Wie lange ist Stillen normal?

In Österreich gelten sechs Monate zu stillen schon als lange, wohingegen die WHO eine Stilldauer von zwei Jahren und darüber hinaus empfiehlt. Während eine Mutter, die ihr Kind länger als ein Jahr stillen will, hierzulande schief angeschaut wird und Einmischungen in dieses zutiefst private Geschehen unterzogen wird, gilt es in anderen Kulturen wiederum als völlig normal, ein Kind jahrelang zu stillen. Wer liegt also richtig und ist es nicht an der Zeit gesellschaftliche Normen zu hinterfragen?


Wie lange wird in den verschiedensten Kulturen gestillt?


Weltweit variiert die Stilldauer enorm, manche Kinder werden gar nicht gestillt, andere wiederum jahrelang. In traditionellen Kulturen herrscht noch immer eine längere Stilldauer vor, jedoch gibt es Unterschiede zwischen sesshaften Kulturen mit einer Stilldauer von circa eineinhalb bis zwei Jahren und nomadischen Kulturen mit einer Stilldauer von drei bis über vier Jahren.


In alten, nicht-industrialisierten Kulturen wie China, Japan und etlichen anderen asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Ländern werden Kinder circa vier bis fünf Jahre lang gestillt, in Indien sogar oft sieben oder neun Jahre. Die weltweite Stilldauer liegt bei 30 Monaten.



Die Bibel erzählt von eine Stilldauer von zwei bis drei Jahren, der Koran schlägt eine von zwei Jahren vor.


Je höher zivilisiert und mehr Wohlstand in einer Gesellschaft war, desto weniger wurde das Stillen geschätzt, es wurde früher abgestillt und längeres Stillen war sozial inakzeptabel. Hochkulturen waren auf Bevölkerungswachstum aus und da Stillen die Fruchtbarkeit der Frau verzögert(e), hat man es vorgezogen, das Kind früh abzustillen. Damals war Abstillen allerdings sehr gefährlich.


In England des 18. Jahrhunderts stillten Kinder circa vier Jahre, ein Jahrhundert später war die Stilldauer schon halbiert.


Das, was heute in unserer westlichen Kultur als anormal gilt, nämlich Kinder lange bis ins Kleinkindalter hinein zu stillen, ist in anderen Kulturen und war in früheren Zeiten also ganz normal. Somit müssen wir das Abstillalter gegenwärtig und hier in diesem Land in einem anderen Licht sehen: es ist gesellschaftlich genormt und hat nicht unbedingt mit dem, was einem Kind beziehungsweise der Mutter gut tut, zu tun.


Was ist das biologisches Abstillalter?


Verglichen mit unseren engsten Verwandten, Primaten wie Gorillas und Schimpansen, die sich beim Stillen nicht an kulturelle oder gesellschaftliche Normen halten und das Stillen ebenso zur Nahrungsaufnahme und zur Bindung nutzen, ist die menschliche Stilldauer eher kurz.

Katherine Dettwyler fasste Untersuchungen zu Säugetieren, insbesondere Primaten, bezüglich ihrer Stilldauer zusammen und fand heraus, dass es Zusammenhänge zwischen Abstillen und gewissen Variabeln wie Schwangerschaftsdauer, Gewicht, Geschlechtsreife und Alter beim Verlust der Milchzähne gibt:


Gorillas und Schimpansen werden das Sechsfache ihrer pränatalen Zeit gestillt. Beim Menschen würde das eine Stilldauer von viereinhalb Jahren ergeben.


Des Weiteren stillen größere Säugetiere ihre Kinder solange bis diese ihr Geburtsgewicht vervierfacht haben – dies wird beim Menschen mit circa zweieinhalb bis dreieinhalb Jahren erreicht.


Bei Primaten werden Kinder solange gestillt, bis sie ein Drittel des Gewichts ihrer Eltern erreicht haben. Der Mensch müsste demnach fünf bis sieben Jahre lang gestillt werden.


Weiters wird bei Primaten etwa bis zur Hälfte der Zeit bis zur vollen Geschlechtsreife gestillt – beim Menschen folglich bis zum sechsten beziehungsweise siebten Lebensjahr.


Primaten werden dann abgestillt, wenn sie die bleibenden Backzähne bekommen. Dies entspricht beim Menschen einem Alter von fünfeinhalb bis sechs Jahren.


Wie lange wird in Österreich gestillt?


In Österreich wird in den meisten Fällen nicht die empfohlene Stilldauer von 6 Monaten für ausschließliches Stillen (WHO; AAP, 2012) erreicht. Laut einer Umfrage von 2006 begannen 93% der Mütter ihre Babys zu stillen, 73% wurden mit 3 Monaten noch gestillt, mit 6 Monaten 55% (33% der Babys wurden zu diesem Zeitpunkt voll gestillt), mit 1 Jahr 16% (Esberger, 2006). Laut einer neueren Tiroler Studie (Karall, 2015) beginnen 83% der Mütter in Tirol ihre Babys zu stillen, mit 3 Monaten werden 65% gestillt, mit 6 Monaten 49% (9% der Babys wurden zu diesem Zeitpunkt voll gestillt), mit 1 Jahr 21% und mit 2 Jahren 3,20%.


Beitragende Faktoren für ein vorzeitiges Abstillen sind nicht-medizinisch indiziertes Zufüttern in den ersten Tagen im Krankenhaus, wenig Vertrauen der Mutter in ihre Fähigkeit zu stillen, subjektiv wahrgenommener Milchmangel, geringes Alter der Mutter und niedriger Bildungsgrad der Mutter (Karall, 2015), sowie der Geburtsverlauf (Esberger, 2006).

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Quellen:

AAP 2012, Policy Statement: Breastfeeding and the Use of Human Milk. Pediatrics 2012; 129:3 e827-e841

Bumgarner, N. J. (2003): Wir stillen noch, Hille (La Leche Liga)

Dettwyler, K.: A Time to Wean, in: https://www.naturalchild.org/articles/guest/katherine_dettwyler.html, am: 08.03.2019

Esberger, M.: Säuglingsernährung Heute 2006, BMGF

Henzinger, U. (1999): Stillen. Die Quelle mütterlicher Kraft. Walter Verlag

Karall, D. et al. (2015): Breastfeeding Duration – Early Weaning: Do We Sufficiently Consider the Risk Factors? J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2015 Nov;61(5):577-82.

Renz-Polster, H. (2010): Kinder verstehen, München (Kösel)


Foto: eigene Aufnahme

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