Sicherheit: die Rolle des Nervensystems bei Geburt

Für unser Nervensystem ist das Gefühl der Sicherheit das Allerwichtigste. Es scannt ständig unbewusst nach Signalen für Sicherheit und Gefahren ab und aktiviert im Notfall Verteidigungssysteme. Erst wenn die Verteidigungssysteme nicht mehr gebraucht werden, kann die Energie wieder für Gesundheit, Entwicklung und Heilung benutzt werden.

Was gibt Menschen Sicherheit?

Um sich sicher zu fühlen, müssen Gefahrenreize fehlen und Sicherheitsreize da sein.


Menschen fühlen sich sicher, wenn sie in Verbindung sind.

Wenn Geben und Erhalten in Balance sind, wenn ihnen zugehört wird, wenn sich andere auf sie einstimmen, dann fühlen sie sich in der Gegenwart anderer wohl und können zur Ruhe kommen.

Menschen fühlen sich sicher, wenn sie Vertrauen in sich selbst haben, die eigenen Grenzen wahrnehmen und wahren zu können.

Sie fühlen sich sicher, wenn sie selbst bestimmen können, was sie tun und lassen.


Was macht Menschen unsicher?


Menschen (Säugetiere im Allgemeinen) mögen keine räumliche Einschränkung. Für sie sind die Isolation von anderen Menschen und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit besonders unangenehm (Porges, 2019).

Es stresst Menschen, wenn sie sich unverbunden fühlen, ausgeschlossen oder zurückgelassen werden, wenn sie sich gefangen fühlen und der Gefahr nicht entrinnen können.

Fühlen Menschen sich einsam, fühlen sie sich unsicher (Cacioppo & Cacioppo, 2014).

Wenn Menschen sich nicht sicher fühlen, probieren sie sich mithilfe anderer Menschen zu regulieren, gelingt dies nicht, versuchen sie sich selbst zu regulieren.

Was braucht es für eine sichere Geburt?

Damit die Geburtshormone ungestört fließen können, braucht es einen Zustand, in dem die gebärende Frau sich tief entspannen kann. Sie muss sich sicher fühlen können, auch wenn sie sich völlig hingibt, das heißt sie muss „sicher immobil“ sein können – statt sich darum zu kümmern, vor Gefahren wegzulaufen oder dagegen anzukämpfen.

Dieser Zustand von „sicher immobil sein“ ist nur mittels Aktivierung von vagalem und dorsalem Vagusnerv erreichbar. Es ist ein Zustand, in dem keine Verteidigungsprogramme (Flucht/ Kampf/ Erstarren) aktiv sind und ermöglicht es der Frau ihr Kind zu gebären ohne in Schock zu verfallen.

Bei einer Geburt wird heutzutage außer Acht gelassen, dass das menschliche Nervensystem Sicherheit völlig anders beurteilt als die medizinischen, gesetzlichen un kulturellen Standards es tun. Stattdessen wird der Körper einer gebärenden Frau heutzutage regelrecht so behandelt, als wisse er nicht, was er tue und bräuchte die Hilfe von Apparaten, Medikamenten, Instrumenten und ExpertInnen.


Für die Geburt ist jedoch bedeutend, was das (individuelle) Nervensystem unter Sicherheit versteht.

Welche Gefahrenreize gibt es bei Geburt?

Eine Reihe von Umgebungsreizen, Gepflogenheiten oder institutioneller Regelungen können bei einer gebärende Frau Unsicherheit auslösen:

- mangelnde soziale Unterstützung bzw. soziale Unterstützung ist kaum nutzbar (z.B. nur eine Person „darf“ zur Geburt mitgehen, fehlende kontinuierliche Betreuung)

- sich nicht frei bewegen dürfen oder können/ eingeschränkte Beweglichkeit durch Interventionen (z.B. Infusion, CTG)

- Verweigerung von Trinken/ Essen

- Momente der Unverbundenheit (z.B. fehlender Blickkontakt, geteilte Aufmerksamkeit, aufs Handy schauen, wegschauen, für einen Moment abgelenkt sein)

- die eigene Kleidung wird abgenommen

- viele Geräte, die niedrig-frequente Geräusche machen: niederfrequente Geräusche aktivieren die Verteidigungssysteme

- Hinweise auf Risiko bzw. Gefahr, zu unterzeichnende Formulare, höchste Sauberkeit und Überwachung (CTG etc.) bringen eine eigene Atmosphäre der Unsicherheit mit sich

- Störungen (z.B. Personal, das ein und aus geht; Fragen stellen)

- Zeitdruck (z.B. Muttermund beobachten)

- wenn wir uns anzupassen versuchen, kann das Gefahr triggern

- einander fremde Menschen müssen zusammenarbeiten

- Nähe-Distanz-Verhältnis wird nicht eingehalten

Noch einmal möchte ich wiederholen, dass das Nervensystem nur Sicherheit meldet, wenn Gefahrenreize fehlen UND Sicherheitsreize vorhanden sind. Nur das Eliminieren von Gefahrenreizen führt nicht automatisch zur Sicherheit.

Welche Sicherheitsreize gibt es bei Geburt?

Hier eine Auflistung an Sicherheitsreizen, zur weiteren Vertiefung eignet sich der Artikel „Natürliche Geburt - Teil 1: Was macht eine Geburt sicher?“.

- wenn sich Leute, denen die gebärende Frau vertraut, um sie kümmern

- adäquater Blickkontakt

- die Wünsche der Frau werden beachtet

- jede Intervention/ Untersuchung nur mit Aufklärung, nach Einholung des Einverständnisses und in Verbindung mit der Frau

- die Frau wird nie alleine gelassen ohne ihren Wunsch

- Schutz der Privatssphäre (z.B. ohne Störung, ohne Beobachtung)

- Schutz der Intimsphäre

- Bewegungsfreiheit

Quellen:

Cacioppo, J.T. & Cacioppo, S.: Social relationsships and health: The toxic effects of perceived social isolation. Social and Personality Psychology Compass, February 2014, 8(2), 58-72.

Porges, S.W.: Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit. G.P. Probst Verlag, Lichtenau, 3. Auflage, 2019.


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