Sex während der Menstruation


Darf man das? Ist das nicht unrein?

Kulturell sind wir darauf konditioniert, Sex während der Menstruation als unrein oder ekelhaft anzusehen.

In der zweiten Kurseinheit des NFP-Kurses beschäftigen wir uns genauer mit der unfruchtbaren Zeit am Zyklusanfang und wie man deren Ende bestimmt. Wenn nun also NFP zu Verhütung genutzt wird, kommen von den teilnehmenden Frauen und Männern oft hochgezogene Augenbrauen, gerümpfte Nasen - mit einem Wort: Ekel. Ekel hervorgerufen durch die Vorstellung, in der unfruchtbaren Zeit am Zyklusanfang miteinander Geschlechtsverkehr zu haben. Dies hat einen Grund: in die unfruchtbare Zeit am Zyklusanfang fällt nämlich für gewöhnlich was? Ja, genau, die Menstruationsblutung. Und dies ist für die meisten unrein, ekelhaft, mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt. Warum eigentlich?

Hier kommen zwei Seiten zusammen: einerseits der Glaube, Sex sei etwas Unreines und andererseits, Menstruation sei etwas Unreines.

Wie ihr schnell sehen werdet, kann man nicht vom Sex während der Menstruation reden ohne von der Unterdrückung der Frau durch Kultur und Religion zu sprechen.

Ist Sex unrein?

Leider leben wir in einer Gesellschaft, die eine grauenhafte Vergangenheit mit Sex hat, in der Sex nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt war: nur unter Eheleuten, nur in bestimmten Stellungen, nur gewisse Praktiken, nur zur Fortpflanzung.

Im Alten Testament (3. Buch Moses) steht beispielsweise, dass ein Mann unrein sei, wenn er einen Samenerguss hat, und alles, das damit in Berührung komme – also auch eine Frau.

Dass Sex etwas Unreines sein soll, ist zumindest den meisten von uns nicht sehr logisch, denn Sex ist sogar sehr wichtig für unsere Gesundheit und außerdem sind wir alle durch Sex entstanden.

Das alte Wissen rund um Sexualität ist in unserem Kulturkreis äußerst mangelhaft, und das fängt schon damit an, dass hierzulande vielen kleinen Kindern beigebracht wird, ihre äußeren Geschlechtsteile nicht zu berühren.

Ist Menstruationsblut unrein?

Nein. Menstruationsblut ist vollkommen rein. Es zeugt weder von einer Verletzung, noch von Krankheit, sondern grundsätzlich von Gesundheit. Während der Menstruation fließen Blut, Gewebeflüssigkeit und abgebaute Gebärmutterschleimhautstückchen ab. Dieser Teil der Gebärmutterschleimhaut, die mit der Menstruationsblutung nach außen gespült wird, war es auch, die sich im vergangenen Zyklus für die mögliche Ankunft eines winzig kleinen Babys auf- und umgebaut hat, und dabei voller Nährstoffe war. Die Natur leistet sich den enormen Luxus, für jeden Zyklus und damit für ein potentielles Baby, eine neue Gebärmutterschleimhaut auf- und umzubauen – so wie auch für Gäste im Hotel extra neue Badetücher bereitgestellt werden, auch wenn die vorherigen Gäste die „alten“ gar nicht genutzt haben.



Die Unberührbaren - Woher kommt der Irrglaube, Menstruationsblut sei unrein?

In einigen Glaubensrichtungen, Gesellschaften und Kulturen wurde und wird die Frau regelrecht aus der Gesellschaft verbannt, wenn sie blutet. Mitunter darf sie mit niemand sprechen, niemanden berühren, muss alleine essen usw. und darf erst wieder nach der Blutung, wenn sie sich einem Reinigungsritual unterzogen hat, in die Gesellschaft zurückkehren.

Vielfach haben diese Praktiken nichts mit dem Grundgedanken zu tun und wurden im Laufe der Zeit verzerrt - mit dem Ergebnis, dass Frauen auch heute noch aufgrund ihrer Menstruation diskriminiert werden.

Laut dem Alten Testament (3. Buch Moses) sei eine Frau 7 Tage lang unrein (טמא = entzogen), wenn sie ihre Menstruation hat (übrigens: 7 Tage unrein und 33 Tage Hausarrest nach der Geburt eines Buben – bei einem Mädchen 14 + 66 Tage!), und alles, was sie während der Blutung anrührt, werde ebenfalls unrein. Eine Frau musste sich nach der Menstruationsblutung erst wieder rituell reinigen, um als rein zu gelten.

Im Koran gilt die Menstruation als Beeinträchtigung und so sieht er vor, dass während dieser Zeit kein Geschlechtsverkehr ausgeübt wird.

Obwohl weder der Koran, noch die Veden die Menstruation als unrein beschreiben, tun dies Islam und Hinduismus sehr wohl. So dürfen menstruierende Frauen keine rituellen Gebete vollziehen und keine religiösen Stätten betreten.

Im Hinduismus gilt eine menstruierende Frau nicht nur energetisch und emotional als unrein, sondern auch als körperlich und so darf sie in dieser Zeit nicht einmal Sport betreiben, kochen oder gar am selben Tisch beim Essen sitzen.

Im Hinduismus gilt Geschlechtsverkehr als Energieaustausch und ist während der Menstruation verboten, da es v.a. den Mann schwächen würde.

Erwährenswert ist auch, dass man früher glaubte vom Sex während der Menstruation nicht schwanger werden zu können, und somit verband man ihn mit Lust, die es aber nicht erlaubt war zu haben. Sex sollte man also nur dann haben, wenn man auch schwanger werden konnte. Als ob Frauen Brutmaschinen wären. So sieht man Frauen nur als Schwangere/ Gebärende/ Mütter, nicht die andere Seite – die ganze Frau. Man sieht nicht, dass Sex mehr ist als Fortpflanzung, nämlich die Erschaffung von Liebe zwischen Menschen.

In vielen Kulturen wurde und wird das Menstruationsblut aber auch verehrt, weil diese wussten, dass erst dadurch neues Leben möglich war.

Was ist nun also der Grundgedanke dieser Praktiken?

Einerseits haben die Praktiken ihren Ursprung in dem Bedürfnis von Frauen sich während der Blutung vom Alltagsleben zurückzuziehen und sich eine Auszeit zur Innenschau zu nehmen, um dann mit ihren Erkenntnis wieder zurück zu kommen. In früheren Zeiten war es also vollkommen wertvoll, wenn sich Frauen während der Menstruation eine Auszeit genommen haben. Dies wurde jedoch dann so verzerrt, dass Frauen später ausgesperrt wurden.

Ihren Ursprung haben diese Praktiken andererseits in der Vorstellung von „ritueller Reinheit“. Reinheit hat in diesem Sinne nichts mit körperlich rein oder hygienisch zu tun. Nur jemand, der rituell rein war, konnte mit dem Göttlichen kommunizieren.

Viele Religionen lehren, dass gewisse Lebensmittel, Tiere, Körperflüssigkeiten, Praktiken, Zustände etc. rein oder unrein seien, und dass man sich mit Ritualen wieder reinigen könne (z.B. Beichte, Waschungen, Fasten).

Mit den Regeln um die Menstruation gelang es also, Frauen im Patriarchat vom religiösen und politischen Leben fernzuhalten. Gelingt dies immer noch?

Wie trägt unsere heutige Gesellschaft zum Menstruationstabu bei?

Auch in der jüngeren Vergangenheit unserer „westlichen Kultur“ finden sich einige Missverständnisse zum Menstruationsblut: es sei giftig (z.B. Paracelsus, Béla Schicks „Menotoxin“) oder zeuge von Krankheit (z.B. Jean-Jacques Rousseau).

Der aktuelle Umgang mit Menstruation in unserer „modernen“ Gesellschaft hat ebenfalls etwas damit zu tun, dass wir das Menstruationsblut als unrein ansehen:

- wir sprechen kaum über Menstruation: wir sprechen zwar darüber, dass wir Durchfall haben, aber nicht darüber, dass ein komplett normaler, gesunder Prozess in unserem Körper statt findet. Dies führt dazu, dass:

- wir kaum etwas über Menstruation und den weiblichen Zyklus wissen

- wir ignorieren die Menstruationszeit: wie viele Frauen ehren ihre Menstruation oder wurden bei der Menarche (= 1. Menstruationsblutung im Leben einer Frau) gefeiert?

- niemand „darf“ wissen, dass eine Frau menstruiert: es ist einfach kein Thema in einer geselligen Runde, oder?

- die Werbung suggeriert uns, dass wir „Hygieneartikel“ für unsere Menstruationsblutung brauchen

- die Werbung wirbt damit, dass diese „Hygieneartikeln“ diskret seien: keine Werbung spricht von Blut, noch sieht man es – stattdessen wird uns blaues Wasser aufgetischt. Es wird uns suggeriert, dass wir alles tun sollten, um die Blutung unsichtbar zu machen. Es ist anscheinend nicht okay, Blut aus der Gebärmutter zu zeigen, aber aus dem Mund, aus der Nase, aus sämtlichen Wunden schon – und dann bekommen wir auch Unterstützung und werden wahrgenommen.

- die Werbung wirbt damit, dass „Hygieneartikeln“ uns Frauen sauber machen vom schmutzigen Blut (mit Frischeduft)

- teilweise falsche Darstellung von Menstruation in Medien: wenn man dann doch einmal eine menstruierende Frau sieht, dann blutet sie entweder das ganze Bett voll oder das Blut rinnt ihr, ohne dass sie sich dessen bewusst ist, die Beine hinab

- viele finden das Menstruationsblut ekelhaft: und trotzdem gibt es Menschen, die blutige Steaks essen oder Nasenbluten ganz okay finden

- die Menstruation wird dazu verwendet, Frauen nicht ernst zu nehmen („Hast du deine Tage?“)

Darf man nun also Geschlechtsverkehr während der Blutung haben?

Frauen berichten davon, dass dies eine heilige Zeit ist, um Geschlechtsverkehr zu haben - ihre Empfindungen sind gesteigert und die Lust ist erhöht. Besonders haben Frauen in dieser Zeit den Wunsch nach verbindendem Sex. Geschlechtsverkehr oder Sex im Allgemeinen zu dieser Zeit kann sogar Menstruationsschmerzen lindern, und zeigt der Frau, dass ihr Partner/ ihre Partnerin auch den Körpersaft Blut annimmt und kann ihr damit helfen, die Scham in Bezug auf ihr Menstruationsblut zu überwinden und eine wertschätzende Einstellung dazu zu entwickeln.

Warum Frauen vielleicht aber gerade zu dieser Zeit vor Sex zurückschrecken, kann die Tatsache sein, dass sie aggressiven Sex pflegen, der besonders zu dieser Zeit unangenehm ist.

Tipps für Sex während der Menstruation:

- rotes/ dunkles Bettlaken oder Badetuch unterlegen

- einfach am Leintuch Kunst machen (wir Frauen brauchen nicht erst wie ein gewisser Künstler jemanden töten, um Kunst zu machen)

- in der Dusche/ in der Badewanne/ im See etc. Sex haben

Natürlich kann der Partner/ die Partnerin die Frau während dieser Zeit auch anders unterstützen, z.B. durch Massagen, ein warmes Bad einlassen, ihre Alltagstätigkeiten übernehmen, sie bekochen usw.

Was dir in der Zeit der Menstruation gut tut, kannst nur du selbst erfahren – dies nimmt dir kein Ver- oder Gebot ab.


Foto von Unsplash

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