Natürliche Geburt - Teil 3: Ekstatische Geburt oder Let’s Talk about...Sex & Geburt!


In unserer Gesellschaft ist relativ bekannt, dass man von Sex schwanger werden kann, aber dass Sex auch mit Gebären (sowie Schwangerschaft und Stillen) zu tun hat, ist ein Tabu.

Wenn wir um den Zusammenhang zwischen Geburt und Sex wissen, wird sich auch die Art, wie wir gebären ändern.

Was hat Sex mit Geburt zu tun?


Sehr viel oder eigentlich alles: Es geht um Liebe, Hingabe und Leidenschaft.

Es sind die gleichen Körperteile, die gleichen Hormone, und man braucht die gleichen Bedingungen. Die gleichen Energien unter denen das Baby geschaffen wurde, helfen ihm, auf diese Welt zu kommen.

1. Sex und Geburt brauchen die gleichen Körperteile

Im weiblichen Körper enthält das System für Vergnügen auch gleich das System für Fortpflanzung.

Durch Entspannung wird das Gewebe besser durchblutet und dadurch empfindsamer und dehnbarer.

Die Vagina ist sehr dehnbar, da ihr Gewebe in Falten angelegt ist, das sich wie ein Fächer oder eine Blüte öffnen bzw. weiten kann. Durch Berührung der Brüste und küssen mit offenem Mund fließt das Blut verstärkt zur Vagina, sodass ihre Schwellkörper anschwellen (ähnlich dem Penis) und der Geburtweg sich genügend weiten kann. Außerdem stellt sie bei Anregung ein körpereigenes Gleitmittel her (Levin, 2002).

Wenn das Baby in der Vagina tiefer tritt, werden Dehnungsrezeptoren stimuliert, die erneut Oxytozin auslösen (Dawood et al., 1978).

Der Vagusnerv („der Entspannungsnerv“) und die Beckennerven werden stimuliert und dies führt zur Ausschaltung von Schmerzen. Ein intensiver Druck auf diese Nerven kann zu einem Orgasmus führen.

Der Beckenboden muss sich bei der Geburt, sowie beim Sex entspannen. So stellt sich ein Gefühl von Hingabe und Fließen-Lassen ein. Der Beckenboden speichert außerdem Dauerstress und seelische Traumata, und kann bewusst entspannt bzw. angespannt werden.

Die Gebärmutter wird bei Entspannung und sexueller Anregung besser durchblutet und bei einem Höhepunkt und Kontraktionen während der Geburt zieht sie sich rhythmisch zusammen.

Den Körperteil, den du nicht bei Sex und Geburt brauchst ist übrigens der Neocortex, also unser Verstand.

2. Sex und Geburt brauchen die gleichen Hormone

Oxytocin wird pulsierend ausgeschüttet bei den Wehen, beim Sex und beim Stillen – bei jeder Form von angenehmem (Haut-) Kontakt. Oxytocin lässt bei der Frau die Gebärmutter und die Vagina kontrahieren (bei Wehen, Nachwehen und Orgasmus; Fötus- und Plazentaejektionsreflex), sowie beim Stillen die milchbildenden Zellen (Milchejektionsreflex). Beim Mann lässt es die Samenkanälchen, die Prostata und Bläschendrüsen kontrahieren (Spermaejektionsreflex).

Oxytocin wird ausgeschüttet bei:

- sich sicher und unbeobachtet fühlen

- gedämpftes Licht bzw. Dunkelheit

- Wärme

- Ruhe, Stille/ wenig sprechen

- angenehme Berührungen: streicheln, küssen, Sex (besonders Orgasmus), besonders durch Druck auf den inneren Muttermund und durch Stimulation der Dehnungsrezeptoren in der unteren Vagina beim Tiefertreten des Kindes

- Entspannung

- lachen

Stress, Angst und sonstige Störungen unterdrücken Oxytocin - stell dir einfach vor, du wirst beim Sex gefragt, was du gerne zu essen haben wollen würdest. Melatonin (das Dunkelheitshormon) verstärkt es.

Oxytocin spielt eine wesentliche Rolle in allen Phasen der Geburt. Die höchste Konzentration wird in der Nachgeburtsphase erreicht, weswegen ein ungestörtes erstes Bonding auch von größter Bedeutung ist (Nissen et al., 1995). Es ist DAS Bindungs-, Ekstase- und Liebeshormon – es weckt in uns Verbundenheit, ob nun mit unserem Baby oder dem geliebten Partner. Es führt zu starkem Verlangen, wirkt schmerzlindernd, angstlösend, ruft Amnesie hervor und bringt uns in die tiefste Hirnwellenfrequenz, den Theta-Bereich, in dem Intuition und Trance erlebt werden. Trance ist für eine natürlich verlaufende Geburt notwendig. Durch Oxytocin entspannt sich der Körper und die körpereigenen Glückshormone, die Endorphine, werden frei gesetzt.

Sex während der Schwangerschaft kann allerdings keine Wehen auslösen, da wichtige Schutzmechanismen die Anbindung des Oxytocins an die Gebärmutterwand verhindern (siehe Artikel "Stillen und Schwangerschaft").

Endorphine werden in hohen Mengen beim Sex, als auch bei der Geburt gegen Ende der Öffnungsphase ausgeschüttet (sowie in Schwangerschaft und beim Stillen). Es bewirkt Trance, Hingabe, Euphorie, Vergnügen, Befriedigung, Entspannung und Bindung (die Mutter richtet sich nach innen zu ihrem Baby), und reduziert Stress, Angst und Schmerz (Endorphine wirken 200 mal stärker als Morphium).

Endorphine werden ausgeschüttet bzw. verstärkt durch:

- Wärme

- Sicherheit und Entspannung

- langsame, tiefe Atmung

- küssen

- sexuelle Anregung

- lachen und das Bestmögliche erwarten

Endorphine werden hingegen gehindert durch: Störungen, Angst und negative Emotionen.

Östrogene in hohen Mengen machen Frauen lustvoller, die Vagina geschmeidiger und die Brüste empfindsamer. Durch Stimulation der Brüste beginnt sich auch die Vagina zu öffnen.

Dimethyltryptamin (DMT) wird von der Zirbeldrüse beim Orgasmus und unter der Geburt ausgestoßen und bewirkt transzendente Erlebnisse.

Um einen Trance-Zustand erreichen zu können, für einen Orgasmus, als auch für das Fließen der Geburtshormone, braucht es den Ruhezustand des Neocortex.

Durch Phenylethylamine (PEA) verlieben wir uns in das Baby bzw. den Partner.

3. Sex und Geburt brauchen die gleichen Bedingungen

Eine gebärende Frau braucht die gleiche geschützte und ungestörte Umgebung, in der sie sich gehen lassen kann wie beim Sex. Privatheit, Ungestörtheit, Langsamkeit, Vertrauen und Sicherheit sind die Bedingungen, die beim Sex wie bei der Geburt benötigt werden, um sich öffnen zu können und die Hormone fließen zu lassen.

Stress, Angst, Störungen aller Art etc. sind hingegen sowohl beim Sex, als auch bei der Geburt hinderlich. Alle Säugetiere hören auf zu gebären, wenn sie sich unsicher oder bedroht fühlen. Deswegen darf man eine gebärende Frau nie stören. Genauso wie beim Sex, müssen wir uns sicher und privat fühlen, damit wir uns nicht beschützen müssen und unsere Geburts- bzw. Ekstasehormone fließen können.

Daraus ergibt sich, dass der beste Ort für die Geburt auch der beste Ort zum Liebe machen ist (das könnte beispielsweise der Ort sein, an dem dein Kind gezeugt wurde), und die besten Geburtsbegleiter die sind, die man auch beim Sex dabei haben könnte.

4. Sex und Geburt zeigen das gleichen Verhalten und Erleben

Anregung und Wehen ähneln einander stark. Sowohl während der Öffnungsphase der Geburt, als auch bei Anregung öffnen wir uns, lassen los und geben uns hin. Bei den letzten Gebärmutterkontraktionen bei der Geburt (nur unter völliger Ungestörtheit), sowie beim Orgasmus beim Sex wird eine hohe Menge Oxytocin ausgestoßen, begleitet von einem Adrenalinausstoß.

Eine gebärende Frau macht die gleichen Geräusche (stöhnen) wie beim Sex, sie atmet tiefer, ihr Gesichtsausdruck wird intensiver und konzentrierter, sie wird also ungehemmter. Sie erlebt Freude, Ekstase und Amnesie.



Gibt es einen Geburtsorgasmus bzw. eine lustvolle Geburt?

Giving birth in ecstasy: This is our birth right and our body’s intent.
Dr. Sarah J. Buckley

Orgasmus meint per Definition einen wie auch immer gearteten Höhepunkt. Dieser Höhepunkt ist von einer (weiblichen oder männlichen) Ejakulation zu unterscheiden – er kann, aber muss nicht, gleichzeitig mit einer Ejakulation auftreten. Wie so ein Höhepunkt empfunden werden kann oder wie lang er ist, ist sehr individuell und die Grenzen nach oben sind offen (z.B. klitorialer, G-Punkt- oder Ganzkörper-Orgasmus). Auch müssen wir von der Vorstellung weichen, dass Orgasmus nur durch Penetration erreicht werden kann, nur kurz andauert und mit einer Spannungsentladung zu tun hat, nach der man sich ausgelaugt und müde fühlt.

Deswegen verwende ich statt des Begriffs Geburtsorgasmus andere Begriffe wie „lustvolle Geburt“, „orgasmische Geburt“ (orgasmisch = glühend, vor Lebenslust strotzend) oder „ekstatische Geburt“ (Ekstase = Hochgefühl, einen Zustand des Aus-Sich-Heraustretens).

Nach den oben beschriebenen körperlichen Vorgängen sollte es klar sein, dass es Frauen gibt, die ekstatische Geburten erleben. Eine Geburt, die sicher und natürlich ist, sprich Oxytocin fördert und Adrenalin hemmt, hat das Potential zur ekstatischen Geburt.

Frauen, die Ekstasen während Geburten erlebt haben, beschreiben diese sogar als intensiver als die bei sexuellen Aktivitäten mit ihrem Partner erlebten Zustände.

Warum erleben dann so wenige Frauen eine ekstatische Geburt?

Sieht man sich die Bedingungen an, unter denen die für Ekstase notwendigen Hormone ausgeschüttet werden, erkennt man, dass tatsächlich nur wenige Frauen in unserer Gesellschaft lustvoll gebären (können). Die moderne Geburtshilfe macht es den Frauen unmöglich: Schamgefühle durch zu viele oder die falschen anwesenden Personen, grelles Licht, fremde Umgebung, Störungen, Beobachtung (z.B. CTG), fremde Finger in der Vagina, Bewertungen, Stress, Angst, Interventionen (v.a. PDA und Wehenmittel), mangelnde Bewegungsfreiheit, Zeitdruck etc. verhindern das Fließen dieser Hormone.

Bekommst du Lust, dich unter diesen Bedingungen zu öffnen? Hast du Lust, unter diesen Bedingungen Sex zu haben (siehe „Die Leistung - Sex like Birth“)?

Die meisten Frauen sind beim Gebären im Kopf (z.B. Wehenabstände zählen, sich Sorgen machen, Angst vor oder Fokus auf Schmerzen) und aktivieren damit einen neuen Gehirnteil (den Neocortex), der das Fließen der Geburtshormone aus einem alten Gehirnteil (Zwischenhirn) behindert. Wenn du beim Sex plötzlich beginnst, dir Sorgen zu machen oder zu kontrollieren, wird dir ebenfalls die Lust daran vergehen.

Darüber hinaus wissen die meisten Frauen nichts von ihrer anatomischen Ausstattung, die zur Ekstase führt oder haben nur ein mangelhaftes Teilwissen. Sie haben gelernt, dass Lust und Sex schmutzig sind und dass man darüber besser nicht spricht, die lustvollen Körperteile nicht ansieht, erforscht oder dem Sexualpartner zeigt, wie man dort berührt werden möchte.

Für Frauen gilt leider immer noch für Sex und Geburt, dass es falsch ist, zu genießen (wenn man eine brave Frau ist). Und wenn man es doch tun sollte, stoppt uns die Gesellschaft (auf die weiter oben genannten Arten), denn die Gesellschaft hat ein großes Problem damit. Klarerweise verschwindet dann der Genuss.

Die Vagina und der Muttermund speichern überdies Traumata und Stress (z.B. Hass auf den eigenen Körper, emotionale Traumata, Fehlgeburten, schlechte Beziehungen), daraus können geringes sexuelles Vergnügen und sogar Taubheit und Blockaden (Verkrampfungen) in Vagina und Muttermund entstehen – genau die Körperstellen, die sich bei einer Geburt entspannen und öffnen sollen.

Sex wird in unserer Kultur als etwas gelebt, das mit Erwartungen und einem Ziel verbunden ist, etwas, das schnell vorbei ist und mit der Ejakulation des Mannes endet. Das ist jedoch nicht die Art von Sex, die Frauen brauchen, um sich zu öffnen und sich fallen zu lassen. Und auch für Männer ist eine ganz andere Welt möglich. Sex kann also auch noch anders aussehen: fließend, öffnend, nicht-zielgerichtet, neugierig, intuitiv. Der Unterschied ist wie der beim Kochen: kochst du stur nach einem Rezept oder bist du im Augenblick bei deinen Empfindungen, und folgst du deiner Intuition, deiner Lust, deinem Gefühl?

So wie du Sex lebst, ist also nur eine Reflexion deiner Lebensweise („Wie du lebst, so gebärst du auch.“), und welch bessere Möglichkeit als die Zeit der Schwangerschaft (oder schon die Zeit des Kinderwunsches) zu nutzen, um Sex und damit dein Leben neu zu entdecken.

Und letztlich besteht natürlich immer die Möglichkeit, durch sexuelle Stimulation aufgetretene Schmerzen zu lindern (Whipple & Komisaruk, 1985; Komisaruk & Whipple, 1995) und diese Option nutzen Frauen/ Paare bereits bei der Geburt (Harel, 2007).

Was kannst du denn tun, um dich auf eine ekstatische Geburt vorzubereiten?

Erforsche deinen Körper neu, lerne dich und deine Bedürfnisse kennen. Genieße Sex, indem du dich entspannst und den Verstand ausschaltest, dir Zeit lässt, ganz bei dir bist und deine Empfindungen spürst. Löse dich von alten Mustern wie Sex in unserer Gesellschaft auszusehen hat und lerne Sex als Energie-Austausch statt als Jagd nach einem Orgasmus kennen. Merke dir: es gibt nichts zu erreichen, nur zu empfinden.

Hör auf deinen Körper und entwickle eine positive Einstellung und Zuversicht zur Schwangerschaft und zum Gebären.

Lerne dich in deinem Körper wohl zu fühlen (z.B. mittels Achtsamkeitspraxis, Bauchtanz).

Übe schon in der Schwangerschaft, die Lust zu erhöhen (z.B. mit Genuss essen, in der Sonne liegen, nackt sein) und die Kontrolle loszulassen – dich hinzugeben. Überlege dir, unter welchen Bedingungen du dich beim Sex so richtig hingeben kannst, und wie du diese Bedingungen bei der Geburt schaffen kannst (erhöhe deine Geburtshormone!). Alles ist möglich, du brauchst es dir bloß zu erlauben.

Letztlich genieße deine Geburt in vollen Zügen – drück dich hemmungslos aus, entspanne dich tief, bewege dich frei am geeigneten Geburtsort und wähle die dafür geeignete Begleitung aus, wenn du möchtest.

Weitere Tipps:

- Übe einen tieferen Bewusstseinszustand: entspannen und loslassen üben (z.B. Entspannungsübungen, tiefes Atmen, tönen).

- Lies Geburtsberichte über ekstatische Geburten bzw. sieh dir eventuell Geburtsvideos dazu an.

- Nimm dir Zeit für eure Beziehung, wenn du in einer Beziehung bist (verbunden sein, tiefe Blicke, küssen, kuscheln, massieren).

- Nimm die Bindung zu deinem Baby wahr und bleib mit dem Kind während der Geburt in Liebe verbunden.

- Umgib dich mit positiven Gedanken/ Gefühlen/ Menschen (z.B. Geburtsaffirmationen).

- Vermeide negative Gedanken/ Gefühle/ Menschen (z.B. negative Geburtsgeschichten, Zweifler).

- Drücke deine Gefühle ehrlich aus und bearbeite deine Ängste (z.B. hole akkurate Infos ein, finde deine Selbstverantwortung wieder, hol dir Unterstützung).

Merk dir: Du bist diejenige, die dir erlauben kann, Vergnügen zu fühlen.

Dein Körper kann unendlich viel Vergnügen generieren!

Quellen:

Dawood, M.Y. et al.: Oxytocin in human pregnancy and parturition. Obstet Gynecol. 1978 Feb;51(2):138-43.

Harel, D. (2007): Sexual Experiences of Women during Childbirth.

Levin R.J.: The physiology of sexual arousal in the human female: a recreational and procreational synthesis. Arch Sex Behav. 2002 Oct;31(5):405-11.

Komisaruk, B. R., & Whipple, B.: The suppression of pain by genital stimulation in females. Annual Review of Sex Research, Volume 6, 1995, Issue 1, 151-186.

Nissen E. et al.: Elevation of oxytocin levels early post partum in women. Acta Obstet Gynecol Scand. 1995 Aug;74(7):530-3.

Whipple B. & Komisaruk B.R.: Elevation of pain threshold by vaginal stimulation in women. Pain. 1985 Apr;21(4):357-67.


Foto von Unsplash

Empfohlene Einträge
Aktuelle Einträge
Archiv
Schlagwörter
Folgen Sie uns!
  • Facebook Basic Square
  • Twitter Basic Square
  • Google+ Basic Square

Muttermund.at