Natürliche Geburt - Teil 1: Was macht eine Geburt sicher?


Heutzutage wird wieder mehr versucht, die Geburt zu einem stärkenden Erlebnis für Frauen und Babys zu machen. Dies kann nur funktionieren, wenn die körperlichen Vorgänge während der Geburt verstanden werden.

Wie funktioniert eine Geburt?

Die äußeren, kräftigen, längsfasrigen (vertikal verlaufenden) Gebärmuttermuskeln verlaufen v.a. im oberen Teil der Gebärmutter an der Hinterseite der Gebärmutter zur oberen vorderen Seite. Sie schieben das Baby in wellenförmigen Muskelbewegungen voran.

Die inneren, ringförmigen (waagrecht verlaufenden) Gebärmuttermuskeln befinden sich eher im unteren Teil der Gebärmutter, v.a. am Muttermund, und diese müssen bei der Geburt entspannt sein. Denn ziehen sich nun die längsfasrigen Muskeln zusammen, ziehen sie automatisch die ringförmigen Muskeln mit hoch und so öffnet sich der entspannte Muttermund Stück für Stück. Man kann sich das wie bei beim Anziehen eines Rollkragen-Pullovers vorstellen (um die Gebärmutter korrekt darzustellen, müsste man sich aber mit dem Kopf nach unten anziehen). Die längsfasrigen Muskeln schieben das Kind durch den Muttermund und weiter durch die Vagina hinaus.

Übrigens: Die mittlere Gebärmuttermuskelschicht verläuft wie ein Netz und versorgt die Gebärmutter mit Nährstoffen und Sauerstoff.

Was braucht es für eine Geburt?

Für die Geburt braucht es einen speziell dafür gemixten Geburts-Hormon-Cocktail aus dem Limbischen System: vor allem Oxytocin, Endorphine und Relaxin möchte ich hier erwähnen.

Oxytocin (altgriechisch okys „schnell“ und tokos „Geburt“) ist DAS Bindungs-, Liebes- und Entspannungshormon und sorgt für die Kontraktion der längsfasrigen Gebärmuttermuskeln.

Beta-Endorphin wird bei Entspannung ausgeschüttet und sorgt für Wohlbefinden, Vergnügen, Schmerzfreiheit/-linderung, Trance und die Blockade von Stresshormonen.

Relaxin macht unser Gewebe schön weich und dehnbar, sodass die längsfasrigen Gebärmuttermuskeln leicht die ringförmigen Gebärmuttermuskeln am unteren Ende der Gebärmutter (Muttermund) dehnen können, damit das Baby weiter in die Vagina gleiten kann, die sich ebenfalls entfaltet und den Weg frei gibt. Relaxin macht außerdem die Verbindungen im Becken locker, sodass sich der Durchmesser des Beckens vergrößert.

Wenn die Geburtshormone fließen, scheint die Frau auf einem anderen Planeten zu sein, sie wird enthemmt (stöhnen, sich intuitiv bewegen etc.) und gelangt in den Theta-Gehirnwellen-Bereich (Meditation, Trance).

Der Geburts-Cocktail wird unter folgenden Bedingungen ausgeschüttet:

- Ruhe und Entspannung

- schweigen bzw. den Verstand NICHT ansprechen

- Dunkelheit bzw. gedämpftes Licht (das Hormon Melatonin wird bei Dunkelheit freigesetzt, verringert den Neocortex und verstärkt Oxytocin)

- Wärme

- Liebe und Berührung

- Ungestörtheit, Intimität und Privatsphäre („Privacy“ laut Michel Odent)

- Vertrautheit und sich sicher fühlen

Wenn diese Bedingungen nun aber nicht erfüllt sind, wird der Neocortex (die Hirnrinde) aktiviert und dieser blockiert das Fließen der Geburtshormone.

Eine Gebärende, deren Neocortex aktiviert ist, wirkt sehr „im Kopf“ und kann sich nicht gehen lassen (Beta-Gehirnwellen).

Der Neocortex wird also aktiviert durch:

- Hektik

- laute Geräusche, denken, reden (z.B. Muttermundsöffnung ansagen) und Fragen stellen.

Die gute Absicht, einer gebärenden Frau helfen zu wollen ist nur eine versteckte Störung (z.B. Fragen stellen, verbales Coaching).

- Licht

- Kälte bzw. frieren

- Hunger/ Durst

- sich beobachtet fühlen (z.B. Überwachung mittels CTG), Störung und Scham

- an einem unvertrauten Ort sein, unvertraute Personen um sich haben, sich Sorgen machen und Gefahr erahnen

Das Bedürfnis einer gebärenden Frau ist es somit, den Neocortex nicht zu stimulieren bzw. sollte sie dagegen geschützt werden.



Das Not-Programm unseres Körpers

Geburt ist ein natürlicher Prozess, der unter den oben genannten Bedingungen reibungslos verläuft - doch wird er gestört, kann der Gebär-Cocktail nicht mehr hergestellt werden und es kommt zu Komplikationen.

...one cannot actively help a woman to give birth. The goal is to avoid disturbing her unnecessarily.
Michel Odent

Haben wir Angst, Stress, fühlen uns beobachtet, unwohl usw., werden Stresshormone (z.B. Adrenalin) über das Sympathische Nervensystem (ein Teil des Autonomen Nervensystems) ausgestoßen, die dem Körper Gefahr signalisieren und den Überlebensmodus „Kampf/ Flucht“ hochfahren lassen: die Muskeln spannen sich an, die Herzrate steigt, die Atmung wird schneller usw. Das sauerstoffreiche Blut wird von den nicht zur Verteidigung notwendigen Organen wie Gebärmutter (diese Entdeckung wurde 1893 von Anderson & Langley gemacht) und dem Verdauungssystem abgezogen und stattdessen zu den Extremitäten geleitet, damit diese flüchten oder kämpfen können. Nur bei der Geburt können wir weder fliehen, noch kämpfen...

Bei der Geburt führen Stress, Angst und Co. dazu, dass der Geburtsprozess natürlich gestoppt wird. Die Gebärmutter wird nicht mehr gut durchblutet. Die ringförmigen Gebärmuttermuskeln werden fest (da das Adrenalin diese kontrahiert) und die Gebärmutterkontraktionen werden schwächer oder stoppen. Das macht Sinn, denn unser Not-Programm sorgt dafür, dass wir in Sicherheit sind, wenn wir gebären. Unser Körper startet keine Geburt bzw. führt sie fort (außer das Baby ist kurz vorm „heraus kommen“), wenn wir in Gefahr sind und eigentlich flüchten oder kämpfen sollten. Der Körper wagt erst später wieder einen neuen Versuch, wenn er sich sicher fühlt. Ein ausgeklügeltes System!

Heutzutage ignoriert man diesen vollkommen natürlichen Prozess weitgehend. Sagt der Körper „Ich stoppe lieber, weil es nun zu gefährlich ist, ein Kind zu bekommen.“ (auch als „Geburtsstillstand“ oder „Wehenschwäche“ bezeichnet), wird im Krankenhaus „nachgeholfen“ und versucht, die Geburt wieder in Gang zu bringen. Was passiert denn, wenn man gegen den Körper arbeitet? Komplikationen folgen!

Wenn nun also Wehenmittel (künstliche Hormone) gegeben werden, um nachzuhelfen, führt dies zu übernatürlich starken und schmerzhaften Kontraktionen und Oxytocin kann nicht mehr in der richtigen Menge ausgeschüttet werden. Dies verlangt dann nach einer PDA, die aber nun weiter Oxytocin (da die Dehnungsrezeptoren in der Vagina betäubt werden) und die Endorphine blockiert. Dadurch wird noch mehr Wehenmittel gebraucht. Mutter und Kind werden dabei über die Maßen erschöpft, sodass es sogar bis zur Saugglocke oder zum Kaiserschnitt kommen kann. Und letztlich glaubt die Mutter auch noch, von der modernen Medizin gerettet worden zu sein, obwohl erst diese die Interventionskaskade ausgelöst hat.

Auch Einleitung, Kaiserschnitt und Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt greifen in das Fließen dieser so wichtigen Hormone ein.

Nur bei den letzten Gebärmutterkontraktionen der Geburt und unter völliger Ungestörtheit, begleitet v.a. ein Noradrenalinaustoß eine hohe Menge Oxytocin, dies nennt man den Fötus-Ejektions-Reflex (Odent, 2005). Dies bewerkstelligt, dass Mutter und Kind für das erste Bonding ausreichend wach sind (Thomas & Palminter, 1997).

Zusammengefasst machen also folgende Faktoren eine Geburt sicher: freier Fluss der Hormone, Privatheit (Ungestörtheit und ohne Beobachtung), Bewegungsfreiheit und Schwerkraft.

Diese Faktoren machen eine Geburt unsicher: Angst, Verweigerung von Trinken/ Essen, Respektlosigkeit, Störungen, Rückenlage und Bewegungseinschränkung.

Quellen:

Odent, M.: Es ist nicht egal, wie wir geboren werden: Risiko Kaiserschnitt. 2005, Walter-Vlg

Thomas, S.A. & Palminter, R.D.: Impaired maternal behavior in mice lacking norepinephrine and epinephrine. Cell. 1997 Nov 28;91(5):583-92.


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