Mythos: Errechneter Geburtstermin


Aufgrund falsch errechneter Geburtstermine (EGT), kommt es öfters vor, dass Schwangeren zur Einleitung geraten wird, wenn sie über den Termin gehen. Eine Einleitung bedeutet für Mutter und Kind immer Stress. Der Mutter wird ein Hormoncocktail verpasst, der meist starke Wehen auslöst und eine Serie von Interventionen mit potentiellen Risiken nach sich zieht (PDA, Wehenmittel, Kaiserschnitt). Das Kind kann nicht selbst bestimmen, geboren zu werden, es wird gedrängt zu kommen und dies kann im weiteren Lebensverlauf ein spezifisches Muster ausprägen.

In Zeiten, in denen alles vermessen wird, ist es daher nötig, sich mit der Berechnung des EGT kritisch auseinanderzusetzen, und wieder auf die Selbstwahrnehmung (Bewegungsmuster des Kindes, Kontakt zum Kind z.B. über vorgeburtliche Bindungsförderung) vertrauen zu lernen.


Schwangerschaftsdauer


Ein Kind wird solange getragen wie es getragen werden muss, das heißt bis das Kind und der Körper der Mutter reif für die Geburt sind. Annäherungsweise könnte man dies auch so ausdrücken: ca. 247-284 Tage nach dem Eisprung und damit nach der Befruchtung (Jukic et al., 2013).

Bergsjo (1990) geht von einer mittleren Schwangerschaftsdauer von 283 Tagen aus. Der errechnete Termin ist also ein fiktives Datum mit Schwankungsbreite von ca. +/- 3 Wochen. Tatsächlich werden nur 4% der Kinder an diesem Datum geboren.


Im Wort Termin schwingt mit, dass die Geburt zu diesem Datum statt finden sollte. Ein Wort, das beschreibt, in welchem Zeitraum die Geburt höchstwahrscheinlich stattfinden wird, ist „Geburtszeitraum“. Statt dann zu sagen „Mein Termin ist am 1.1.“ so als würde sie eine fixe Verabredung haben, könnte eine Frau sagen „Mein Baby kommt wahrscheinlich im Dezember bis Jänner auf die Welt.“

Wie wird der Geburtstermin herkömmlich berechnet?


Der herkömmliche Geburtstermin bestimmt sich aus der Naegele-Regel bzw. nach letzter Periode und/ oder über eine Ultraschalluntersuchung in den ersten 14 Schwangerschaftswochen. Beide Methoden liefern nur statistische Aussagen, also Schätzungen.

Voraussichtlicher Geburtstermin nach letzter Periode


Die Naegele-Regel ist deshalb unzureichend, weil sie eine falsche Schwangerschaftsdauer annimmt, sowie einen potentiell falschen Schwangerschaftsbeginn – außerdem ist sie bei Frauen, die keine sichtbare Menstruationsblutung hatten (wie z.B. bei Stillenden oft der Fall) nicht anwendbar.

Nach der Naegele-Regel berechnet sich der voraussichtliche Geburtstermin wie folgt: erster Tag der letzten Menstruationsblutung plus 7 Tage, minus 3 Monate, plus 1 Jahr (bzw. plus 7 Tage, plus 9 Monate). Dies würde bedeuten, dass bei einem fiktivem Zyklus von 28 Tagen und einem Eisprung am 14. Zyklustag, die Schwangerschaftsdauer 280 Tage bzw. 40 Wochen beträgt (vom Beginn der Blutung an gerechnet). Der weibliche Zyklus hat aber eine Schwankungsbreite von 21-35 Tagen, sowie darüber hinaus, wodurch sich auch der Eisprungszeitpunkt ändert.


Naegele (1778-1851) hat seine Regel aus Aufzeichnungen zurückgehend auf Boerhaave (1744) entnommen, der vermutlich davon ausging, dass 99% der Geburten 9 Monate NACH der letzten Menstruationsblutung statt finden würden. Dies würde schon mal ein paar Tage mehr ausmachen.



Voraussichtlicher Geburtstermin nach Ultraschall


Die Ultraschallmessung ist nicht dafür geeignet, die Diagnose „Terminüberschreitung“ zu fällen (Wieland, 2015). Für die Messungen werden Längen von Scheitel-Steiß und Oberschenkelknochen, sowie der Schädeldurchmesser verwendet. Die Ultraschallmessung ist mit einem Messfehler behaftet (Wieland & Hildebrandt, 2016), der mehr als eine Woche betragen kann, mit der Tendenz das Alter des Babys zu überschätzen und liefert keine genauen Angaben über den Schwangerschaftsbeginn (Rempen, 2000).


Das Baby wird mit Normtabellen von Babys verglichen, deren Alter nach Naegele-Regel geschätzt wurde, und dann wird noch dazu von einer Schwangerschaftsdauer von 280 Tagen ausgegangen (Wieland & Hildebrandt, 2016). Die Maße des Babys werden mit Maßen verglichen, die keine Variabilität miteinbeziehen (Hadlock et al., 1984) – gleich große Babys sind nicht gleich alt. Babys wachsen im Mutterleib wie auch im späteren Leben unterschiedlich schnell nach dem individuellen Bauplan und in Schüben (+/- 2 Wochen zur Norm). Rockenschaub (2005) vermutet überdies Wachstumspausen bei mütterlicher Belastung.


Der Normierungsdruck trägt dann seltsame Blüten, wenn eine Schwangere meint „Beim letzten Ultraschall wurde mir gesagt, mein Baby sei eine Woche größer als es sein sollte.“

Genauer wäre es, vom tatsächlichen Eisprungszeitraum auszugehen, wie dies mit Zyklusaufzeichnungen ganz einfach festgestellt werden kann. Diese Berechnung erklärt auch, warum ein Menstruationskalender mit Aufzeichnung der bisherigen Zykluslängen nicht aussagekräftig ist.

Berechung des Geburtstermins mithilfe von Natürlicher Familienplanung (NFP)


Mit der Zyklusbeobachtung ist es möglich, den Eisprungszeitraum einzugrenzen und somit den tatsächlichen Schwangerschaftsbeginn möglichst genau zu bestimmen.

Durch den Eisprung wird Progesteron freigesetzt, das wiederum die Körpertemperatur messbar erhöht. In einem Zyklus ohne Befruchtung der Eizelle, dauert diese Temperaturhochlage ca. 12-16 Tage. Kommt es jedoch zur Befruchtung der Eizelle und nistet sich diese in die Gebärmutter ein, bleibt die Progesteronproduktion erhalten, damit auch die Gebärmutterschleimhaut und die Temperaturhochlage. Dauert die Temperaturhochlage länger als 18 Tage und ist bis dahin keine Blutung eingetreten, ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine Schwangerschaft eingetreten. Als Eisprungstag wird der 1. Tag der Hochlage verwendet (der tatsächliche Eisprung kann 2 Tage davor bis 1 Tag danach stattfinden). Es wird von einer mittleren Schwangerschaftsdauer von 266 Tagen ab Befruchtung ausgegangen. Diese Berechnung bezieht, anders als die Naegele-Regel, die tatsächliche Zyklusdauer und den tatsächlichen Befruchtungszeitraum mit ein.

Um nun zu demonstrieren, inwiefern sich die Geburtsterminberechnungen unterscheiden, werde ich dies anhand eines Zyklus darstellen:

Beispiel für eine Geburtsterminberechnung mithilfe der Naegele-Regel:

Erster Tag der letzten Menstruationsblutung: 20.8.2015

plus 7 Tage: 27.8.2015

minus 3 Monate: 27.5.2015

plus 1 Jahr: 27.5.2016

Beispiel für eine Geburtsterminberechnung mithilfe von NFP:

Tag der 1. höheren Messung: 16.9.2015

minus 7 Tage: 9.9.2015

minus 3 Monate: 9.6.2015

plus 1 Jahr: 9.6.2016

Auflösung: Das Baby wurde am 12.6.2016 spontan und gesund geboren. Nach Naegele-Regel 16 Tage über dem Termin. Falsche Übertragungen sind besonders bei Frauen mit langen Zyklen (falsch datierter EGT) zu finden (Rockenschaub, 2005).

Fakt ist nun mal, dass wir nicht im Vorhinein bestimmen können, wann ein Baby bereit ist, geboren zu werden. Wenn wir zwar den Eisprungszeitraum kennen, wissen wir trotzdem nicht, ob es sich schnell oder langsam eingenistet hat oder wie lange es für seine Entwicklung braucht – zahlreiche Faktoren wie das Alter der Mutter, das Geschlecht des Babys, die Ernährungsgewohnheiten, die Jahreszeit, die Anzahl der Schwangerschaften usw. mögen weiter miteinfließen.


Darum mein Vorschlag für die Beantwortung der Frage nach dem Geburtstermin: Das Baby kommt dann, wenn es fertig ist – an seinem Geburtstag.

Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt, und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann. Alles ist austragen und dann gebären.
Rainer Maria Rilke

Quellen und weiterführende Literatur:

Bergsjo et al.: Duration of human singleton preg- nancy – a population-based study. Acta Obstet Gynecol Scand. 1990; 69: 197- 207

Deutscher HebammenVerband e.V. (2012): Empfehlungen zum Vorgehen bei Terminüberschreitung

Hadlock et al.: Estimating fetal age: computer-assisted analysis of multiple fetal growth parameters. Radiology 1984; 152:497–501

Jukic et al. (2013): Length of human pregnancy and contributors to its natural variation. National Institute of Environmental Health Sciences.

Rempen in Bachmann et al: Klinik der Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Bd. 4, Schwangerschaft I, 4. Auflage 2000, ISBN 3-437-21890-5, S. 99, S. 338

Rockenschaub (2005): Gebären ohne Aberglaube

Wieland (2015): Fehlerbetrachtung zur Geburtsterminberechnung per Ultraschall

Wieland & Hildebrandt: Fehlerbetrachtung zur sonografischen Bestimmung des Schwangerschaftsalters, Frauenarzt 9/2016

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