Mythen: "Muttermundslippe" & "Vorzeitiger Schiebedrang"

Mythos um die vordere Muttermundslippe


Der Muttermund öffnet sich bei der Geburt, indem die Ringmuskeln in Entspannung durch die länglich verlaufenden Muskeln der Gebärmutter nach oben und außen gezogen werden.


Wie kommt es nun zur vorderen Muttermundslippe?


Der Muttermund öffnet sich nicht gleichmäßig von der Mitte aus, sondern wie eine Ellipse von hinten nach vorne. Das heißt, bei der Geburt hat jede Frau eine „vordere Muttermundslippe“ (Labium anterius, anteriore Zervixlippe, Muttermundsaum) - abhängig davon, ob und wann eine vaginale Untersuchung erfolgt, wird die Lippe festgestellt oder eben nicht.


Die Hebamme untersucht also den Muttermund und findet eine „vordere Muttermundslippe“. Die Frau wird daraufhin gebeten, mit dem Schieben aufzuhören, weil sie nicht vollständig eröffnet sei - die Lippe könnte anschwellen oder reißen.


Das heißt, ihr wird erklärt, dass ihrem Körper nicht vertrauen soll, sondern der Hebamme, und eventuell wird ihr noch eine PDA angetragen, weil der Schiebedrang unmöglich zu stoppen ist. Das ist, wie wenn man jemanden sagen sollte, er oder sie dürfte nicht niesen oder blinzeln, oder vielleicht noch ähnlicher: auf der Toilette sitzend unterwiesen werden, den sich hinausschiebenden Darminhalt zu stoppen.

Der Frau zu zeigen, dass sie ihrem Körper nicht vertrauen kann, kann dazu führen, dass sie im weiteren Geburtsverlauf auch nicht mehr darauf vertraut (Bergstrom, 1997; Celesia, Nespoli & Borrelli, 2016).


Übrigens kann auch der Kopf des Babys den Muttermund formen. Ein Baby mit dem Gesicht zur Wirbelsäule der Mutter (anterior) macht eine regelmäßigere, rundere Form, ein posterior Baby („Sterngucker“, mit dem Hinterkopf zur Wirbelsäule) oder gebeugte Haltung macht eine unregelmäßigere Form.


Es passiert in den seltensten Fällen, aber wenn eine Frau beim Schieben Schmerzen oberhalb des Venusbeins hat, kann es sein, dass die Lippe zum Venusbein (Symphysis pubis) eingeklemmt ist. Dann kann die Frau, wenn sie ungestört ist, eine entsprechende angenehmere Position (zurücklehnend) einnehmen oder selbst den Muttermund zurückschieben - dies ist aber sehr schmerzhaft. Dies kann aber dazu führen, dass das Baby zu schnell in die Vagina eintaucht, ohne vorher rotiert zu haben.


Mythos Vorzeitiger Schiebedrang


Der Schiebedrang (Ferguson Reflex) setzt dann ein, wenn das Baby (mit seinem Kopf oder Po) Druck auf Nerven in der Vagina/ im Gebärmutterhals ausübt. Das ist unabhängig vom Öffnungsgrad des Muttermundes. Deshalb sollte man einer Frau nie sagen, wann sie zu schieben oder zu stoppen hat, entweder der Schiebedrang ist da oder er ist eben nicht da (manche Frauen erleben nie einen!). Eine Frau wird dann schieben, wenn ihr Körper dies braucht.


Studien zum „vorzeitigen Schiebedrang" (Downe et al., 2008; Borrelli, Locatelli & Nespoli, 2013), das heißt wenn sich der Muttermund noch nicht vollständig geöffnet hat während der Schiebedrang sich einstellt, kommen zu dem Schluss, dass es in 10-20% der Fälle zum "vorzeitigen Schiebedrang" (Early Pushing Urge) kommt.


Je früher eine Hebamme beim Schiebedrang einer Frau den Muttermund untersucht, desto eher findet sie eine Lippe.


Bei Babys in posteriore Lage kommt vorzeitiger Schiebedrang in 41% der Fälle vor (der Hinterkopf drückt gegen den Darm) und das Schieben kann die Rotation in die anteriore Lage unterstützen (Borrelli, Locatelli & Nespoli, 2013).


Schieben ohne verstrichenem Muttermund führt zu keinem Schaden (Borrelli, Locatelli & Nespoli, 2013; Tsao 2015). In manchen Kulturen und in früheren Zeiten auch in unserer Kultur werden bzw. wurden Frauen sogar angeleitet von der Öffnungsphase an zu schieben.


Fazit: Da die "vordere Muttermundslippe" ein natürliches Phänomen ist, das im Normalfall keiner Regulation bedarf, sind vaginale Untersuchungen zu deren Feststellung nicht nötig (und der Geburtsfortschritt kann sowieso nicht vorhergesagt werden). Für den "vorzeitigen Schiebedrang" leitet sich die Empfehlung ab, einer Frau nicht zu sagen, dass sie schieben oder damit aufhören soll.



Quellen:

Bergstrom et al.: I gotta push. Please let me push! Social interactions during the change from first to second stage labor. Birth. 1997 Sep;24(3):173-80.

Borrelli, Locatelli & Nespoli: Early pushing urge in labour and midwifery practice: A prospective observational study at an Italian maternity hospital. Midwifery. 2013 Aug;29(8):871-5.

Celesia, Nespoli & Borrelli: Childbearing Women’s Experiences of Early Pushing Urge. International Journal of Childbirth, Volume 6, Number 1, 2016, pp. 19-26(8).

Downe (2008): The early pushing urge: practice and discourse. Normal Childbirth: Evidence and Debate, vol. 8. pp. 129–148.

Tsao, N. (2015, January 31). Early pushing urge before full dilation: a scoping review.


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