Kristellern: Babybäuche drückt man nicht

Kristellern bedeutet, dass das obere Ende der Gebärmutter von ein oder mehreren Menschen (vom medizinischen Personal) mit Händen/ Unterarmen/ Schlinge während einer Wehe nach unten gepresst wird. Herkömmlich passiert dies, während die gebärende Frau liegt bzw. halb sitzt. Kristellern wird eingesetzt, um die Geburt schnellstmöglich (vaginal) zu beenden oder einfach aus Routine.


Seinen Namen bekam das Kristellern von Samuel Kristeller, nachdem dieser sein Verfahren der „Expressio foetus“ 1867 publizierte.


Während das Kristellern beispielsweise in den USA verbannt wurde, ist es in Österreich noch gängige Praxis, und wird meist nicht im Geburtsbericht aufgezeichnet – dadurch kann das Kristellern schwer für Schädigungen verantwortlich gemacht werden.


Betroffene Frauen fällt es häufig schwer, für diese Intervention Worte zu finden, und sie beschreiben sie als „auf den Bauch drücken“ oder „auf den Bauch schmeißen“. Die betroffenen Frauen werden im Regelfall weder um ihr Einverständnis zum Einsatz des Kristellerns gefragt, noch darüber aufgeklärt.


Wie wurde das Kristellern bei uns so modern?


Das Kristellern wurde auch in anderen Kulturen traditionell verwendet, jedoch nicht im Liegen, sondern vertikal und mit Stabilisierung des Oberkörpers.


Mitte des 20. Jahrhunderts kam es zu einem Aufschwung dieser Intervention, da es geburtshilflicher Standard war, in Steinschnittlage (auf dem Rücken mit angezogenen Beinen) und sedidiert zu gebären, was das Gebären massiv erschwerte. Hier wurde das Kristellern in Kombination mit weitem Dammschnitt und Zange verwendet. Auch wurde das Kristellern bei viel gebärenden Frauen mit schlaffer Bauchdecke (Rektusdiastase) massenweise eingeführt (Rockenschaub, 2005).


Welches sind die Nachteile bzw. Risiken des Kristellerns?


Kristellern ist schmerzhaft

Grundsätzlich ist es sowohl für die gebärende Frau schmerzhaft und stressreich, wenn ihr sich durch eine Wehe verhärtender Bauch „gedrückt“ wird, als auch für das Baby im Bauch. Beide können Blutergüsse, Organrupturen (zum Beispiel Gebärmutter und Leber), Muskelverletzungen, Knochenbrüche usw. davontragen.

Das Baby wird durch das Kristellern im Liegen/ halb sitzend zum hinteren Beckenboden/ zur Wirbelsäule der Frau geschoben, das heißt nicht einmal zur Vaginalöffnung (Ausgang!) hin. Des Weiteren wird ein Großteil der Kraft dafür verbraucht, die Frau nicht vom Bett zu schieben (Franke, 2007).


Kristellern führt nicht zu einer Verkürzung der Austreibungsphase (Hofmeyr et al., 2017; Api et al., 2009), auch nicht bei Peridural Anästhesie (PDA) (Verheijen, Raven & Hofmeyr, 2009).


Kristellern reduziert nicht den Einsatz von Zange/ Saugglocke oder Kaiserschnitten (Hofmeyr et al., 2017).


Kristellern erhöht das Risiko für Risse am Damm (Hofmeyr et al., 2017; Matsuo et al., 2009; De Leeuw et al., 2001), am Muttermund (Hofmeyr et al., 2017), am Anus (De Leeuw et al., 2001; Zetterström et al., 1999) und Verletzungen am Beckenboden (Youssef et al., 2019). Daraus ergeben sich in weiterer Folge Probleme wie Beckenbodenschwäche, Inkontinenz, Gebärmuttervorfall, sowie in der Sexualität.


Kristellern erhöht das Risiko für eine Uterusruptur (Mishra, Morris & Uprety, 2006).


Kristellern erhöht das Risiko für Nervenverletzungen am Baby (Zetterström et al., 1999) durch Stauchung des Kopfs und Halses. Weiters kann es zu steigendem Hirndruck (dadurch Abfall der Herzfrequenz), Nabelschnurquetschung und Durchblutungsstörungen der Plazenta bis hinzu Plazentaablösung (dadurch Sauerstoffmangel beim Baby) kommen.


Kristellern erhöht das Risiko für Schulterdystokie (Politi et al., 2010), das heißt dass das Baby mit seinen Schultern im Becken stecken bleibt.


Was hilft gegen Kristellern?


Da ich noch nie vom Kristellern bei einer Hausgeburt gehört habe, bezieht sich das Folgende nur auf Krankenhaus- und Geburtshaus-Geburten.


Du darfst das Kristellern immer ablehnen (so wie jede Intervention), egal mit wie viel Druck dir das medizinisches Personal begegnet. Es ist dein Körper und dein Kind, und niemand kann dir deine Verantwortung abnehmen, auch wenn du öfters als schwangere oder gebärende Frau das Gegenteil zu hören bekommst – obendrein musst du mit den Folgen des Kristellerns leben.


Wenn du nicht kristellert werden möchtest, kannst du dies in deinem Geburtsplan hinzufügen (alles, was du während der Geburt haben/ nicht haben möchtest, steht da drinnen), den du dann an dein Krankenhaus oder Geburtshaus weiterleitest.


Wenn du eine Doula bei der Geburt dabei hast, kannst du mit ihr besprechen, dass sie dich während der Geburt erinnern soll, dass du nicht kristellert werden wolltest, wenn das medizinische Personal dazu ansetzen möchte. Sie kann dich darin bestärken, dass du für deine Bedürfnisse und Wünsche eintrittst.


Solltest du deine eigene Hebamme oder deine eigene Ärztin/ deinen eigenen Arzt zur Geburt mitnehmen, kannst du ihnen deine Wünsche im Vorfeld mitteilen, sodass sie darauf achten, dass dich niemand kristellert bzw. sie selbst dich nicht kristellern.


Fazit


Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation, WHO) empfiehlt Kristellern aufgrund der möglichen Risiken für Mutter und Kind nicht (WHO, 2018).


Quellen:

Api, O. et al.: The effect of uterine fundal pressure on the duration of the second stage of labor: a randomized controlled trial. Acta Obstet Gynecol Scand. 2009;88(3):320-4.

De Leeuw, J. W. et al.: Risk factors for third degree perineal ruptures during delivery. BJOG 2001, 108(4), 383-387.

Franke, T.: Die Wirkung von Gebärpositionen beim Einsatz des Kristeller-Handgriff. Deutsche Hebammenzeitung 2/2007.

Hofmeyr, G.J. et al.: Fundal pressure during the second stage of labour. Cochrane Database Syst Rev. 2017.

Kristeller, S. Die Expressio foetus. Neues Entbindungsverfahren unter Anwendung äusserer Handgriffen. Monatsschrift für Geburtskunde und Frauenkrankheiten. 1867; Band 29, Heft 5, Kapitel 23: S. 337–387.

Matsuo, K. et al.: Use of uterine fundal pressure maneuver at vaginal delivery and risk of severe perineal laceration. Arch Gynecol Obstet. 2009 Nov;280(5):781-6.

Mishra, S.K., Morris, N. & Uprety, D.K.: Uterine rupture: preventable obstetric tragedies? Aust N Z J Obstet Gynaecol. 2006 Dec;46(6):541-5.

Politi, S. et al.: Shoulder dystocia: an Evidence-Based approach. J Prenat Med. 2010 Jul-Sep; 4(3): 35–42.

Rockenschaub, A.: Gebären ohne Aberglauben. Fibel und Plädoyer für die Hebammenkunst. Facultas, 2005.

Verheijen, E.C., Raven, J.H. & Hofmeyr, G.J.: Fundal pressure during the second stage of labour. Cochrane Database Syst Rev. 2009 Oct 7;(4)

WHO Reproductive Health Library. WHO recommendation on fundal pressure to facilitate childbirth (February 2018). The WHO Reproductive Health Library; Geneva: World Health Organization.

Youssef, A. et al.: Fundal pressure in second stage of labor (Kristeller maneuver) is associated with increased risk of levator ani muscle avulsion. Ultrasound Obstet Gynecol. 2019 Jan;53(1):95-10

Zetterström, J. et al: Anal sphincter tears at vaginal delivery: Risk factors and clinical outcome of primary repair. Obstet Gynecol 1999, 94(1), 21-8.


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