Die alltägliche Gewalt an Kindern


Natürlich verdammt unsere Gesellschaft Gewalt an Kindern und in Österreich ist sie ja auch gesetzlich verboten. Ist das wirklich so oder versteckt sie sich nun besser unter Begriffen wie Erziehung und Konsequenzen? Wenn es darum geht, was Gewalt ist und was nicht, ist es für manche nicht so leicht zu erkennen, dass ihr alltägliches Vorgehen Gewalt ist.


Was sagen die Gesetze?


Österreich hat als viertes Land weltweit das Gewaltverbot in der Erziehung durch das Kindschaftsrechts-Änderungsgesetz 1989 eingeführt.

- Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch, § 137: Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig.

- Bundesverfassungsgesetz über die Rechte der Kinder, Artikel 5: (1) Jedes Kind hat das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, die Zufügung seelischen Leides, sexueller Missbrauch und andere Misshandlungen sind verboten. Jedes Kind hat das Recht auf Schutz vor wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung. (2) Jedes Kind als Opfer von Gewalt oder Ausbeutung hat ein Recht auf angemessene Entschädigung und Rehabilitation. Näheres bestimmen die Gesetze.

Nun wissen wir, Gewalt an Kindern ist gesetzlich verboten. Wie definiert sich aber nun Gewalt?

Definition von Gewalt


Bei Gewalt unterscheidet man die körperliche und psychische Gewalt. Zur körperlichen Gewalt zählt z.B. schlagen (natürlich auch der „Klaps auf den Po“ und die „gsunde Watschn“), schütteln, stoßen, an den Ohren/ Haaren ziehen, zwicken.

Geht es um psychische Gewalt wird es etwas komplexer in unserer Gesellschaft. Psychische Gewalt umfasst (Gewaltbericht 2001):

- andere zu isolieren (dazu gehört auch der Liebesentzug)

- Drohungen, Nötigungen und Angstmachen (z.B. „Wenn du dich nicht benimmst, dann gehen wir.“ oder „Wenn du dein Essen nicht isst, wirst du krank werden.“)

- Beschimpfungen, Abwertungen und Diffamierungen („Schneid dir deine Haare, sonst schaust du wie ein Mädchen aus.“)

- Belästigung und Terror (z.B. unberechenbares Verhalten)

Für Kinder im Speziellen:

- Ablehnung und Liebesentzug („Wenn du nicht brav bist, hab ich dich nicht lieb.“ ausgesprochen oder auch unausgesprochen)

- Missbrauch zur Befriedigung narzisstischer Bedürfnisse der Eltern (z.B. soll das Kind Wünsche und Ideale der Eltern erfüllen oder es wird als Partnerersatz herangezogen)

- Erzeugen von Schuldgefühlen („Was hast du nur getan?“)

- Vernachlässigung (Indifferenz)

- Mobbing durch Gleichaltrige im Schulumfeld und im Internet

weiters:

- negieren von Gefühlen (z.B. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“)

- Bestechungen und Ersatzbefriedigungen

- Bewertungen

Dann gibt es noch strukturelle Gewalt. Um strukturelle Gewalt handelt es sich, wenn Gewalt in das System eingebaut ist – was vom Individuum gar nicht wahrgenommen werden muss. Dies resultiert in ungleichen Lebenschancen, Diskriminierung und ungleichen Machtverhältnissen (z.B. „Dafür bist du noch zu jung.“). Strukturelle Gewalt entwickelt sich aus gesellschaftlichen Normen und sozialen Traditionen. (Klinkigt, 2015)


Was macht das mit dem Kind...?

...wenn es festgehalten oder gezwungen wird?

Ein Kind, dessen „Nein“ immer wieder übergangen wird, wird nicht lernen „Nein“ zu sagen. Ein Kind, dessen körperliche Integrität genommen wird (über dessen Körper entschieden wird), wird lernen dass der eigenen Körper nicht ihm gehört, die Verantwortung für den Körper abzugeben und ihm nicht mehr zu vertrauen. Das Kind wird lernen, dass das Recht des Stärkeren gilt und eventuell selbst anfangen, andere zu unterdrücken.

...wenn ihm eine Strafe angedroht wird?

Ein Kind empfindet dann Angst, ignoriert den Elternteil vollkommen oder verhält sich gehorsam. Was die Eltern dem Kind damit mitteilen ist: tu, was ich von dir will oder ich zwinge dich dazu.

...wenn es bestraft wird, z.B. durch eine Auszeit?

Für das Kind bedeutet es, dass seine Bedürfnisse nicht gesehen werden, es vielleicht sogar noch dafür bestraft wird. Das Kind muss ganz alleine mit seinen Gefühlen klar kommen und entwickelt mitunter Wut, Rachegefühle, das Gefühl falsch zu sein und verliert das Vertrauen.

...wenn es ignoriert wird?

Für das Kind bedeutet ignoriert zu werden, dass es nicht wichtig ist, was es tut – dass sich die Erwachsenen nicht für das Kind interessieren, es sei denn, es macht etwas, dass ihr Interesse erweckt.

...wenn ihm also die Liebe entzogen wird?

Es verletzt den Selbstwert des Kindes und wird lernen, dass Liebe an Bedingungen geknüpft ist - und in weiterer Folge wird es diese ungeliebten Teile abspalten und nur noch die von anderen gut befundenen Teile leben.

Warum ist es so schwer, uns von Gewalt an unseren Kindern zu trennen?


Wenn wir gestresst sind, schalten wir in einen Modus, in dem Einfühlungsvermögen und Logik keinen Platz haben: wir greifen an oder wir flüchten.

Es kann sein, dass wir selbst keine geeigneten Vorbilder in unserer Kindheit für Gewaltfreiheit hatten und uns daher alternative Strategien fehlen.

Wenn wir als Kinder bestimmte Gefühle unterdrücken mussten, werden sie auch spätere als Erwachsene weggeschoben und andere akzeptable Gefühle übernehmen, zumindest solange, bis das unterdrückte Gefühl nicht länger unterdrückt werden kann.

Kinder wissen nichts davon und durchleben alle Gefühle. Stoßen sie dabei auf ein tabuisiertes Gefühl, so wird der Erwachsene an diese wunde Stelle erinnert und kann dem Kind nicht einfühlsam begegnen. Das ist dann meistens der Fall, wenn wir auf unsere Kinder genauso reagieren wie unsere Eltern auf uns reagiert haben.

Wenn Erwachsene ihre Kindheit verdrängen, wird sie unbewusst ans Tageslicht kommen. Kinder leben Erwachsenen vor, was sie in sich verdrängen, und so verdrängen die Erwachsenen, wenn sie nicht an sich arbeiten, auch diese Teile in den Kindern.

Wenn Menschen in ihrer Kindheit nicht erfahren durften, wie ihre Bedürfnisse wahrgenommen und geachtet wurden, fällt es ihnen dann als Erwachsene schwer, selbst auf ihre Bedürfnisse zu achten. Das kann so weit gehen, dass ein Erwachsener dazu neigt, beständig seine Bedürfnisse zu übergehen, später aufgrund seiner negativen Gedanken Wut entwickelt und sie dann gewaltsam durchsetzen will. Erwachsene können auch versuchen, ihre nicht erfüllten emotionalen Bedürfnisse aus ihrer Kindheit weiter zu befriedigen, notfalls in dem sie die Bedürfnisse ihrer Kinder hinten anstellen oder die Kinder dazu auffordern das zu geben, was sie nicht bekommen haben.

Im Namen der Erziehung und der Prävention scheint Fremdbestimmung in Ordnung zu sein. Auch Ängstlichkeit oder Unsicherheit können dazu führen, dass man nicht auf sich und die Kinder hört, sondern auf wenig hilfreiche Ratschläge. Wie zum Beispiel gegen den Willen Kinder dazu zu zwingen Zähne zu putzen, Haare zu bürsten, eine Haube aufzusetzen, Bettzeiten vorzuschreiben oder zu verlangen, dass ein Kind danke oder Entschuldigung sagt. Wenn Eltern dies tun, dann zumeist, weil sie meinen, es sei im besten Interesse der Kinder. Doch die Angst vor möglichen zukünftigen Folgen rechtfertigt nicht Gewalt.

Einstellung zu jungen Menschen: Vertrauen oder Kontrolle?


Und dann ist da noch der Grund, dass wir in einer kinderfeindlichen Gesellschaft leben, was auch schon der Begriff „Kinder“ ausdrückt – historisch gesehen wurde dieser Begriff erst im 16. Jahrhundert eingeführt, um den jungen Menschen in ein Besitzverhältnis zu zwingen – ein Kind gehörte den erwachsenen Menschen.

Um subjektive Kinderfeindlichkeit handelt es sich, wenn man Kinder nicht mag. Objektive Kinderfeindlichkeit drückt sich in den Einstellungen und Verhaltensweisen aus, unter denen Kinder leiden oder die sie schädigen (Braunmühl, 1996).

1. kinderfeindliche Einstellung:

Kinder werden als Objekte betrachtet: sie sind unreife Wesen, die man gestalten muss, weil sie nicht zur Selbstbestimmung fähig sind - sonst machen sie nur Blödsinn und aus ihnen werden nur asoziale und abhängige Erwachsene. Grundlegend wird Kindern misstraut, weil man davon überzeugt ist, dass Kinder erst gut sind, wenn man das Gute in ihnen fördert bzw. sie dazu erzieht. Kinder dürfen nicht verwöhnt werden, man muss sie formen, erziehen, kontrollieren, manipulieren, fördern. Die Erwachsenen-Kind-Beziehung wird als Herrschaftsverhältnis definiert, bei dem die Erwachsenen die Oberhand besitzen.

Wenn wir Kinder abhängig und für unmündig halten, aber von ihnen verlangen, unabhängig und mündig zu werden bzw. zu sein, ist das eine paradoxe Aufforderung.

2. kinderfreundliche Einstellung:

Ein Kind ist ein junger Mensch, ein Individuum – und junge Menschen sind genauso wichtig wie erwachsene Menschen (z.B. eine Freundin oder ein Gast). Kinder sind genauso ernst zu nehmen wie Erwachsene, sie verdienen Respekt und ihre Würde ist zu achten.

Hinter ihrem Tun steht immer ein guter Grund. Menschen sind von Natur aus gewaltfrei.

Kinder sollten bedingungslos angenommen werden und so geliebt werden, wie sie sind. Das Kind weiß am besten, was es braucht. Kinder entdecken die Welt von Anfang an, man darf sich ihnen nur nicht in den Weg stellen.

Die Erwachsenen-Kind-Beziehung wird als gleichberechtigte Partnerschaft definiert. Eltern ermöglichen und begleiten ihre Kinder bei der Selbstentfaltung ihres von Grunde auf an innewohnenden Potentials.

Erwachsene verhalten sich Kindern gegenüber authentisch (echt, ehrlich).

Fazit


Ein Kind, also ein junger Mensch, hat seine eigenen Bedürfnisse und seine eigenen Vorstellungen. Ein junger Mensch will genauso etwas wie auch ein älterer Mensch etwas will. Dass sich das nicht immer deckt, ist klar, das kennen wir von Erwachsenen untereinander zur Genüge. Und trotzdem glauben wir, bei Kindern würde das anders funktionieren – wir machen sie zu Wesen, die nichts wollen oder die ganz einfach ohne Frustration aufgeben, weil wir es eben so wollen. Weil unsere Bedürfnisse mehr zählen?

Auch wenn Eltern auf Gewaltfreiheit achten, kann es passieren, dass Freunde, Großeltern usw. andere Einstellungen haben und Gewalt an den Kindern verüben. Es ist zu respektieren, wenn ein Mensch an seinen kinderfeindlichen Überzeugungen festhalten möchte, allerdings müssen Kinder vor solchen Menschen geschützt werden – denn Gewalt hinterlässt Spuren, sie führt zu Angst und Depression.

Kinder dürfen nein sagen und haben ein Recht darauf, dass dieses Nein gewahrt wird.

Kinder brauchen nicht gehorchen. Kinder haben ein Recht vor Übergriffen geschützt zu werden. Kinder haben ein Recht auf Selbstbestimmung.

Das schließt mit ein, dass sie ein Recht auf Gewaltlosigkeit haben.

Es ist irre zu glauben, man müsste jemanden Leid zufügen, weil man ihn liebt (Braunmühl, 1996).

Kinder, denen Gewalt angetan wird, spüren ganz sicher keine Liebe – spüren wir denn Liebe für sie?

In unserer Gesellschaft ist Gewalt (an jungen Menschen) Normalität.

Nicht die Kinder, sondern die Gesellschaft muss sich ändern.

Hast du Fragen zur Beziehungsberatung oder möchtest gerne deine Situation mit deinem Kind besprechen? Nimm Kontakt zu mir auf!

Quellen und weiterführende Links:

www.gewaltinfo.at

Franziska Klinkigt (2015): Wer sein Kind liebt...

Ekkehard von Braunmühl (1996): Zeit für Kinder

Bücher und Vorträge von Bertrand Stern

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