Beikostanfang Teil 1: Beikost nach Bedarf


Beikost nach Bedarf, auch Selbstbestimmtes Essen, Breifrei, Fingerfood oder Baby-Led Weaning (Rapley G., 2008) genannt, stellt eine uralte Weise der Einführung fester Nahrung dar. Das Essen wird nicht püriert oder verfüttert, sondern das Kind isst ab circa sechs Monaten selbstständig mit den Familienmahlzeiten unter Berücksichtigung gewisser Lebensmittelempfehlungen (siehe weiter unten) mit. Diese Methode unterstützt die natürliche Entwicklung des Essens, sodass das Kind anfangs unterschiedliche Nahrungsmittel mit Händen und Mund ertastet, bis es kauen und schlucken lernt. Spaß und Erkundungsdrang stehen im Vordergrund. Gestillt wird immer vor den Mahlzeiten, sodass das Kind entspannt und gesättigt die feste Nahrung explorieren kann. Muttermilch ist im ersten Lebensjahr die Hauptnahrungsquelle.


Mit Essen spielen


Bei Beikost nach Bedarf wird das Essen ohne Druck gelernt, das heißt mit dem Essen wird gespielt. Warum auch nicht? Auch wir Erwachsene schmeißen mal mehr oder weniger Essen weg, und bei ihnen geht es nicht darum, dabei etwas über die Welt zu lernen. Den Kindern in Afrika hilft es nicht, das eigene Kind aufzuhalten, herumzumatschen - der Hunger kommt ganz anders in die Welt.


Wann kann denn mit Beikost begonnen werden?


Wenn die „Beikostreifezeichen“ erlangt wurden, was frühestens mit ca. 6 Monaten passiert. Die (WHO-) Empfehlung lautet, bis zum vollendeten 6. Lebensmonat ausschließlich zu stillen (WHO, 2009), und bis zum 2. Lebensjahr und darüber hinaus weiter zu stillen.

Beikostreifezeichen:

- das Kind kann aufrecht sitzen mit geringer Unterstützung im unteren Rücken (auf dem Schoß bzw. Babystuhl)

- das Kind hat Interesse an dem, was die Familie verspeist, und zeigt dies (z.B. erste Kaubewegungen)

- der Zungenstreckreflex ist verschwunden

- das Kind zeigt, wenn es satt ist (z.B. indem es sich von der Brust oder der Flasche abwendet, wenn es genug hat)

- das Kind ist in der Lage, nach Nahrung zu greifen und sie in den Mund zu stecken

Keine Beikostreifezeichen sind:

- mit 4 Monaten alles bzw. die Hände in den Mund stecken (wollen) und darauf herumkauen

- nächtlich vermehrtes Aufwachen

Warum wird dann in manchen Broschüren und von einigen KinderärztInnen empfohlen, die Beikost schon nach dem 4. Monat einzuführen?

Immer öfter höre ich von Müttern: „Mein Baby hat Bauchweh seit Beginn der Beikost – es ist nun 4 Monate alt und der Kinderarzt hat gemeint, ich soll mit Beikost anfangen.“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Babys weltweit bis zum 6. Monat ausschließlich zu stillen, d.h. ohne weitere Speisen und Getränke außer Muttermilch zu ernähren. Beikost vor dem vollendeten 6. Lebensmonat einzuführen, geht sogar mit einem erhöhten Risiko für Magen-Darm-Erkrankungen und anderen Infekten einher (Atemwegsinfektionen, Lungenentzündungen oder Mittelohrentzündungen) einher (Nehlsen, 2015; Ladomenou, 2010), auch das Risiko für Adipositas und verschiedene chronische Erkrankungen wird durch 6-monatiges ausschließliches Stillen gesenkt (Ladomenou, 2010). Weiters gibt es auch keinen Nutzen einer früheren Beikosteinführung für das kindliche Wachstum (auch nicht bei Kindern mit niedrigem Geburtsgewicht) (Nehlsen, 2015).

Zu empfehlen, Babys mit vollendetem 4. Lebensmonat Beikost erhalten sollen, lässt also die auf tausenden Studien basierende WHO-Empfehlung und die Beikostreifezeichen komplett außer Acht!

Die Empfehlung, Beikost nach dem vollendeten 4. Lebensmonat einzuführen, basiert auf 2 Missverständnissen:

1. glutenhaltige Speisen zwischen 4-6 Monaten einzuführen reduziere das Zöliakie-Risiko: dafür gibt es keine wissenschaftliche Evidenz – im Gegenteil: die genetische Prädisposition bestimmt über Zöliakie und man kann sie nicht durch eine frühere oder spätere Erst-Gabe von glutenhaltigen Speisen aufhalten (Lionetti, 2014; Vriezinga, 2014).

2. Weiters hat man herausgefunden, dass das Risiko für Zöliakie bei unter 2-Jährigen verringert wird, wenn sie während der Einführung von glutenhaltiger Beikost, und am besten darüber hinaus, gestillt werden (Ivarsson, 2002). Da aber die meisten Kinder in Österreich nicht länger als 6 Monate gestillt werden, erfolgt an manchen Stellen die Empfehlung, die Beikost schon früher einzuführen. Mit der Bereitschaft des Körpers oder einer Notwendigkeit von Beikost hat dies nichts zu tun. Zielführend wäre es, zu empfehlen, länger zu stillen!

Und was ist mit ehemaligen Frühgeborenen?


Bei Frühgeborenen ist es sinnvoll, mit korrigierten 6 Monaten mit Beikost zu beginnen (Gupta et al., 2017). Eine frühere Beikosteinführung führt nicht zu rascherem Wachstum, jedoch zu häufigeren Klinikaufenthalten aufgrund von Magen-Darm- oder Atemwegserkrankungen.


Was kann man einem Kind zu essen anbieten?


Gesunde, vielfältige und naturbelassene Nahrungsmittel! Das, was die Familie auch isst, kann mit dem Kind geteilt werden. Zu den Mahlzeiten wird zusätzlich Wasser angeboten.

Kinder wählen das Essen, das sie benötigen, vorausgesetzt die Speisen sind naturbelassen und von außen kommt keinerlei Einmischung. Manchmal essen sie wochenlang das gleiche, um dann plötzlich ihren Speiseplan wieder mehr zu variieren (Davis, 1939). Auch „wählerische Esser“ essen das, was sie brauchen (Mascola, Bryson & Agras, 2010). Kinder, die selbstbestimmt essen lernen und dabei eine große Vielfalt an Nahrungsmitteln kennen lernen, wählen aus dieser Vielfalt aus und probieren eher gerne neue Geschmäcker und Texturen aus.

Was sollte man vermeiden, einem Kind anzubieten?

- kein Essen, dem Salz (im gesamten 1. Lebensjahr) oder Zucker hinzugefügt wurde; keine künstlichen Süßstoffe

- keine Fertiggerichte und Fast Food (Geschmacksverstärker, künstliche Aromen...)

- keine ganzen Nüsse

- keinen Honig

- von artfremder Milch ist abzuraten (wenn, dann nur in kleinen Mengen, d.h. bis zu 100-200ml/ 24 h; und nicht als Getränk), denn sie behindert die Eisenaufnahme aus anderen Nahrungsmitteln

- keine rohen Eier

- keine verarbeiteten Fleischwaren und keine mit Schwermetallen belasteten Meerestiere

- keine fettreduzierten Lebensmittel

- kein Alkohol und kein Koffein

Wie kann das Essen dem Kind angeboten werden?


Gegessen wird möglichst gemeinsam, also bei jeder Familienmahlzeit, und in entspannter Atmosphäre. Das Kind wird vorher gestillt (bzw. ihm wird die Flasche gegeben), denn Muttermilch bleibt bis zum ca. 1. Lebensjahr die Hauptnahrungsquelle des Kindes.

Während das Essen anfangs meist in leicht in die Hand zu nehmende Stifte/ Würfel/ Spalten öder ähnliches geschnitten wird (z.B. gedünstete Gemüse-Wedges oder halbierte und entkernte Kirschen), isst das Baby schon bald darauf die gleichen Familienmahlzeiten wie die anderen Familienmitglieder mit (ohne Salz, Zuckerzusatz etc.).


Weiters zu beachten:

- das Kind sitzt aufrecht

- Essenszeit ist Spielzeit für das Kind!

- nur das Baby steckt sich das Essen in den Mund (Fingerfood!)

- das Kind entscheidet, was und wie viel es davon isst

- das Kind nie allein mit dem Essen lassen

- das Kind nicht ablenken, sondern es sich konzentrieren lassen – essen soll nicht nebenbei stattfinden

- nicht machen, wenn das Baby müde oder hungrig ist

- eine Matte o.ä. unter den Stuhl des Baby legen (für das hinuntergefallene Essen)

- kein Druck, keine Erwartungen

Das Thema Verschlucken


Das Risiko, sich bei fester Beikost zu verschlucken, unterscheidet sich nicht von Breinahrung (Fangupo et al., 2016). Ein Kind lernt erst langsam zu greifen und das Nahrungsmittel in den Mund zu stecken, es im Mund zu lassen, es zu kauen und dann zu schlucken – diese Fähigkeiten reifen langsam aus und gehen einher mit der Fähigkeit, diese Nahrungsmittel auch verdauen zu können. Einem Kind, das mit Brei gefüttert wird, fehlt dieses Lernen.


Es kommt vor, dass Kinder, die feste Beikost essen, würgen, weil vorne im Mund der dementsprechende Reflex ausgelöst wurde - dies ist ein gesunder Reflex, damit das Kind sich nicht verschluckt. Später wandert diese Zone im Mund weiter nach hinten.

Hier weiterlesen:

Beikostanfang Teil 2: Breikost - Beikost längst vergangener Zeiten?


Update: Februar 2018

Quellen:

Davis, C.M.: Results of the self-selection of diets by young children. Can Med Assoc J 1939;41:257-61

Fangupo et al.: A Baby-Led Approach to Eating Solids and Risk of Choking. Pediatrics. Sept 2016;138(4):e20160772

Gupta, S. et al.: Complementary feeding at 4 versus 6 months of age for preterm infants born at less than 34 weeks of gestation: a randomised, open-label, multicentre trial. Lancet Glob Health. 2017 May;5(5):e501-e511.

Ivarsson, A et al.: Breast-feeding protects against celiac disease. Am J Clin Nutr. 2002 May;75(5):914-21.

Ladomenou F et al.: Protective effect of exclusive breastfeeding against infections during infancy: a prospective study. Arch Dis Child 2010; 95: 9­27

Lionetti, E.: Introduction of Gluten, HLA Status, and the Risk of Celiac Disease in Children. N Engl J Med 2014; 371:1295-1303

Mascola, Bryson & Agras: Picky eating during childhood: A longitudinal study to age 11-years. Eat Behav. 2010 Dec; 11(4): 253–257

Nehlson, E. (2015): Beikost nach Bedarf.

Rapley, G./ Murkett T. (2008): Baby-led Weaning, London (Vermillion)

Vriezinga, S. et al.: Randomized Feeding Intervention in Infants at High Risk for Celiac Disease. N Engl J Med 2014; 371:1304-1315


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