Bindung durch Berührung: Teil 1 – Wie Babys nicht berührt werden wollen

Schon Babys drücken ihre Bedürfnisse aus, werden aber oft nicht gehört bzw. gesehen. Unter anderem erhalten sie Berührungen, die sie nicht wollen und bekommen Berührungen nicht, die sie wollen.

Zu den unangenehmen Berührungen, die Babys erhalten, gehören beispielsweise am Kopf getätschelt werden oder Küsse aufgedrückt bekommen, aber auch Massagen, bei denen die Eltern nicht präsent sind.

Wie erkennen wir, was sicher ist?

Unser Nervensystem scannt die Umwelt nach Gefahren ab und so erkennt der Körper, ob er sicher oder unsicher ist. Wird ein Mangel an Sicherheit wahrgenommen, wird das Nervensystem aktiv und versucht die Situation zu entschärfen, zunächst mit Sozialkontakt (z.B. Blickkontakt, Berührung, Worte), danach Flucht bzw. Kampf (z.B. schreien oder weglaufen) und zuletzt Erstarrung.

Unangenehme Berührungen aktivieren das Nervensystem.

Welche Berührungen werden als unangenehm empfunden?

Folgendes lässt uns bei Berührungen verspannen:

- etwas von der Berührung erwarten

- es anderen Recht machen wollen

- eine Leistung erbringen müssen

- sich verpflichtet fühlen

- fehlende Präsenz

- fehlende wechselseitige Kommunikation

- eine fordernde Berührung

- sich für sich selbst etwas aus der Berührung nehmen

- fehlender/ mangelnder/ fordernder Augenkontakt bei der Berührung

- das Gefühl, dass jemand gelangweilt oder getrieben ist

- bei Babys besonders: nicht die Körpersprache beachten bzw. missverstehen

Was sind die Auswirkungen unangenehmer Berührungen?

Wenn wir Angst vor oder Widerstand gegen eine Berührung haben, verschließen und verspannen wir uns. Diese physische Anspannung zeigt uns die Spannung mental und emotional.

Braucht man immer mehr Schutz, wird unser Panzer immer dicker und wir werden taub - das Gewebe wird hart, damit wir Unangenehmes nicht mehr fühlen müssen. Gleichzeitig nimmt damit auch die Selbstwahrnehmung ab und dies hindert uns daran, uns selbst zu sein.

Um die Anspannung zu lösen, brauchen wir Sicherheit – wir brauchen bedingungslose Liebe, Offenheit und Präsenz, damit das Nervensystem sich entspannen kann. Erst wenn wir uns wieder sicher fühlen (das Nervensystem beruhigt ist), können wir uns wieder mit anderen verbinden.

Unsere kulturelle Konditionierung und deren Folgen

Seit der frühen Kindheit werden wir darauf konditioniert, Berührungen zuzulassen, die wir als unangenehm empfinden – unser „Nein“ zu unterdrücken, höflich zu sein und zuzulassen, dass andere mit unseren Körpern machen, was sie wollen.

Wir lernen, dass es nicht okay ist, „Nein“ zu sagen. Wir lernen tolerieren, aushalten, Opfer werden.

Steht unser „Nein“ dann im Konflikt mit anderen bzw. passiert uns etwas, wozu wir nicht unser Einverständnis gegeben haben, erinnert uns dies an diese Kindheitserlebnisse. Deswegen fühlt es sich für viele Menschen normal an, unangenehme Berührung zu erlauben und sie wissen nicht, was sie wollen und nicht, wie man es sagt. Sie wissen nicht, dass sie eine Wahl haben und versuchen etwas zu mögen, was sie in Wirklichkeit nicht mögen.

Süße Babys, Blickkontakt und Babylachen – wenn sich Erwachsene an Babys bedienen

Manche Menschen finden Babys so süß, dass sie sie berühren, unbedingt Blickkontakt herstellen oder/ und sie zum Lachen bringen. Doch ein zu großes, nicht auf das Baby abgestimmtes Kontaktbedürfnis anderer Menschen ist für Babys eine Belastung. Babys reagieren darauf mit Rückzug oder Ablehnung.

Babys sind nun mal keine Objekte, von denen man rücksichtslos nehmen kann. Die Botschaft, die bei Babys dann ankommt, ist: „Mit mir kann man machen, was man will.“ bzw. „Über meinen Körper bestimmen andere.“

Im Allgemeinen möchten Primaten nicht angestarrt werden, da direktes Anschauen die Amygdala stark stimuliert und somit Angst auslösen kann. Und deshalb wollen gerade Babys nicht (mit Blicken) verfolgt werden.

Auch wenn Babys dem Blick anderer nicht ausweichen oder sogar zuerst hinschauen, ist das per se keine Einladung zum Kontakt, sondern bedeutet meist „Du bist mir nicht geheuer.“. Ein starrender Baby-Blick ist ein Stresszeichen.

Wenn Babys lachen, erfüllt uns das mit Freude, da bei uns Oxytocin freigesetzt wird. Das Baby ist nicht nur süß, sondern auch zufrieden. Manche Menschen sind süchtig nach diesem Oxytocin-Kick und bringen Babys absichtlich zum Lachen, damit sie sich gut fühlen.

Wenn man die Babykörpersprache nicht versteht oder übersieht, glaubt man vielleicht, ein Baby will Kontakt haben. Aber eine Kontakteinladung ist bestenfalls sehr subtil und kann von den meisten Menschen, allen voran Fremden, gar nicht gelesen werden.

Babys wollen nicht ausgesaugt werden, sie empfinden dies als übergriffig und fühlen sich verfolgt. Verfolgte Babys verspannen und verschließen sich.

Fazit

Wenn man im Stress ist, kann man sich nicht binden – man muss sich schützen und kann keinen Sozialkontakt betreiben. Bindung geht nur, wenn man sich sicher fühlt.

Wenn wir unsere Kinder berühren, haben wir es in der Hand, ob wir ihr Nervensystem aktivieren oder beruhigen – denn das Nervensystem erkennt die Qualität der Berührung. Genauso wie wir dafür sorgen können, dass andere Menschen sie nicht einfach so berühren, weil Babys nun mal so süß sind und sie gewohnt sind, sich rücksichtslos zu nehmen, was sie wollen.

Babys verdienen, genauso wie Erwachsenen auch, einen respektvollen Umgang.

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