Weinen - 2. Teil: Warum wir Weinen so schwer aushalten können und die Folgen der Unterdrückung

Vielleicht kennt ihr diese Sätze aus eurer eigenen Kindheit:

- Ein Indianer kennt keinen Schmerz.

- Reiß dich zusammen.

- Es gibt keinen Grund zu weinen.

Oder Ratschläge durch andere:

- Schreien kräftigt die Lungen.

- Du verwöhnst dein Kind mit zu viel Nähe.

- So wird dein Kind nie selbstständig.

Warum sich diese Sätze zu hartnäckig halten und welche Folgen es hat, wenn sie für wahr gehalten werden, erörtere ich im Folgenden.

Warum ist das Weinen für die Eltern (oder auch die Umgebung) so schwer auszuhalten?

Für manche Menschen ist das Weinen des Babys schlecht auszuhalten, und dafür gibt es vielfältige Gründe:

1. sie haben selbst prä- und perinatale Erinnerungen, die sie noch nicht integriert haben

2. Eltern fühlen sich oftmals schuldig, weil sie z.B. glauben, nicht genug zu tun oder getan zu haben

3. beim Weinen wird eine Gehirnregion namens Amygdala stimuliert, die somit „Alarm“ signalisiert, und dies setzt in weiterer Folge Stresshormone frei

4. Weinen wurde in der eigenen Kindheit unterdrückt: man weiß nicht, wie man mit Weinen umgehen soll; die eigenen Emotionen kommen hoch und überfluten die Erwachsenen

Das alles kann zu unbewussten Handlungen führen, die dem Baby nicht helfen zu heilen, sondern nur das Weinen unterdrücken – zum Beispiel ein Baby zum Lachen bringen, ablenken, einen Schnuller in den Mund stecken, dem Laut „Sch!“, kräftigem Schaukeln des Babys usw.

Was passiert, wenn das Weinen unterdrückt bzw. ignoriert wird?

Wenn Eltern mit dem Weinen nicht gut umgehen können, weil es sie selbst so sehr stresst, unterdrücken sie meist das Weinen ihres Babys. Ein Baby, das nicht gesehen wird, „verstummt“ und die Erinnerung sucht sich eine neue Ausdrucksform. Die Spirale dreht sich weiter und auch das Kind lernt nicht, wie es mit eigenen Gefühlen wie Traurigkeit oder Wut umgehen kann und wie man anderen gegenüber empathisch ist.

Mit Ferbern, 5s-Methode nach Karp und ähnlichem werden Babys komplett aus der Fassung gebracht, man entzieht ihnen Liebe und letztlich schaltet sich ihr Nervensystem ins K.O. (Schock, Starre). Verstummen ist kein Zeichen von Gesundheit, sondern von Resignation!

„Schreien lassen“ schadet der Bindung und dem Selbstwert, denn das Kind verinnerlicht die Botschaft: „Wenn ich in Not bin und meine Eltern rufe, lassen sie mich alleine. Ich bin es nicht wert.“

Sind die Stresshormone über längere Zeit erhöht, führt dies unter anderem zu Bremsung der Entwicklung, Schwächung des Immunsystems und Veränderungen im Gehirn (u.a. schrumpft der Hippocampus) mit Langzeitfolgen wie Ängsten, Depressionen, Aggressivität und Unfähigkeit das Trauma zu verarbeiten.

Ein weinendes Baby braucht immer Nähe, egal aus welchem Grund es weint. Kinder brauchen uns noch sehr lange, um wieder „runter zu kommen“, denn sie können sich nicht selbst regulieren. Das heißt, es braucht Erwachsene, die Vorbilder für eine gesunde Selbstregulation des Nervensystems sind.

Hände weg von Büchern und Methoden (auch wenn sie von ÄrztInnen, PsychologInnen oder anderen sogenannten „ExpertInnen“ verfasst sind), die empfehlen, das Baby zum Verstummen zu bringen oder es „schreien zu lassen“.

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