Warum Bewegungsfreiheit beim Gebären wichtig ist

Grundsätzlich sucht sich eine Frau, wenn sie ungestört ist und sich sicher fühlt, die Positionen, die sie am meisten unterstützen. Sie kann sich dann so bewegen, wie sie es am angenehmsten empfindet, das heißt wie ihr Körper und ihr Baby dies gerade brauchen, um zusammen zu arbeiten.

Wenn wir hier von Positionen sprechen, bedeutet dies nicht, dass eine gebärende Frau in dieser Position verharren sollte – viel zutreffender ist die Vorstellung einer sich ständig (leicht) verändernden Position (dies kann auch wie eine Art Tanz aussehen).

Welche Bewegungen machen Frauen intuitiv während der Geburt?

- Das Becken auf Hüftebene in großen oder kleinen Bewegungen nach vorne/ hinten kippen.

- Das Becken zur Seite kippen oder (im Achter) kreisen.

- Das Becken in einer Ebene zu den Seiten, nach vorne/ hinten oder im Kreis bewegen.

Sowie die Kombination dieser Bewegungen, um das Baby quasi durch das Becken zu „sieben“.

Größere Bewegungen verändern die Form der Beckenhöhle. Dabei ist es wichtig, keine gelernten Bewegungen zu machen, sondern dem Körper zu folgen und die Bewegungen zu machen, die sich gerade angenehm anfühlen.

Auch die Beinstellungen können variiert werden:

- Beine breit stellen,

- ein Bein höher gestellt,

- Oberschenkel oder Hüften gebeugt oder ausgestreckt,

- ein oder beide Oberschenkel nach innen/ außen gedreht,

- ein Bein nach innen/ außen stellen

Was passiert nun im Becken, wenn sich die Frau in verschiedene Positionen begibt bzw. bewegt?

In der Beckenhöhle kann mehr Raum entstehen, sodass wenn zum Beispiel das Kreuzbein mit dem oberen Teil nach vorne kippt, das Steißbein nach hinten kippt und so mehr Raum am Beckenausgang frei gibt.

Kippt das Steißbein nach vorne, wird mehr Raum am Beckeneingang geschaffen.

Genauso können die Beckenschaufeln um das Kreuzbein gekippt werden (was passiert, wenn wir hocken oder die Beine ausstrecken).

Die Frau kann ihre Oberschenkel asymmetrisch bewegen, um die Dornfortsätze des Sitzbeins auseinander zu bewegen und dadurch mehr Raum in Beckenmitte geben (was die Drehung des Babys erleichtert).

Der Beckenausgang wird größer, wenn: Oberschenkel oder Hüften gebeugt werden, ein Bein nach außen gestellt wird, ein oder zwei Oberschenkel nach innen gedreht werden (und vice versa).

Probier es einfach einmal aus!

Günstige Positionen während einer Geburt

Aufrechte Positionen nutzen die Schwerkraft, um das Baby „hinunter zu bringen“, die Position zu verändern, hilft dem Baby durch Veränderung des Beckendurchmessers sich durch das Becken zu bewegen (Storton, 2007).

Aufrechte Haltungen in der Öffnungsphase reduzieren die Geburtsdauer, sowie das Risiko für Kaiserschnitt und den Gebrauch von PDA (Lawrence et al., 2013; Pridis, Dahlen & Schmied, 2012).

Schaut man sich die häufig für Kaiserschnitt angegebenen Gründe an (Geburtsstillstand, abnormale kindliche Herzrate, Lageanomalie des Kindes), so könnten diese von Bewegung während der Geburt profitieren (Ondeck, 2014).

Aufrechte Positionen erweitern das Becken und führen zu leichteren Wehen und einfacheren Geburten (Michel et al., 2002), sowie zu weniger Dammschnitten und weniger Saugglocken- und Zangengeburten (Gupta et al., 2017). Außerdem berichten Frauen von befriedigenderen Geburtserlebnissen in aufrechten Positionen als in halb-zurückgelehnten bzw. am Rücken liegenden Positionen (Pridis, Dahlen & Schmied, 2012). In Rückenlage berichten Frauen von Schmerzen im unteren Rücken (Adachi, Shimada & Usui, 2003).

Die hier vorgestellten Positionen und Bewegungen sind nur Vorschläge. Wenn die Frau auf ihren Körper hört, weiß sie, wie sie sich (nicht) bewegen soll. Anders gesagt: es gibt keine korrekte Gebärposition – diejenige, die die Frau selbst wählt, ist die für sie in diesem Moment optimale!

In der Hocke öffnet sich der Beckenausgang am meisten, die Schwerkraft arbeitet optimal mit den Kräften der Gebärmutter zusammen und der Damm öffnet sich enorm. Die Balance kann leichter gehalten werden, wenn die Frau sich z.B. eine Decke unter die Fersen legt oder das Gewicht ihres Beckens und der Beine in ein aufgehängtes Tuch abgibt. Auch hier kann die Beinstellung (z.B. Oberschenkel nach innen oder außen drehen) variiert werden.

Von der unterstützten Hocke (ein oder zwei Menschen halten die gebärende Frau) ist abzuraten, da diese die Frau in eine abhängige Rolle bringt und es dabei schwierig wird, den Rücken zu wölben.

Beim Stehen können sich Becken und Kreuzbein frei bewegen (gehen, wiegen, schaukeln, kreisen), die Frau kann sich nach vorne beugen, indem sie das Gewicht ihres Oberkörpers auf einem Fensterbrett/ Bett abgibt bzw. sich von einer Schlinge, die von der Decke hängt, unterstützen lässt (Reduktion von Schmerzen im Lendenwirbel-Kreuzbein-Bereich, Oberkörper-Arme und Kopf können fallen gelassen werden, das Becken kann sich freier bewegen), diverse Beinstellungen können eingenommen werden (Beine breit stellen, ein Bein auf einem Hocker höher aufgestellt, Oberschenkel nach innen/ außen gedreht etc.), die Schwerkraft wirkt, die Hände können frei sein oder an einer Wand o.ä. abstützen, Druck kann auf das Kreuzbein gegeben werden (eigene Hände/ Hände anderer, Türrahmen)

Im Knien bzw. im Vierfüßler kann die Frau sich nach vorne beugen und so den Druck auf den Lendenwirbelsäulen-Kreuzbein-Bereich reduzieren und das Gewicht von Oberkörper, Armen und Kopf abgeben. Die Frau kann wieder ihre Beinposition variieren (Beine breit stellen, ein Bein nach vorne stellen, ein/ beide Beine nach innen oder außen drehen), und Druck über die Arme abgeben bzw. sich auf einen Ball o.ä. vorne abstützen. Die Hände sind frei, wenn die Frau sich auf einem Ball abstützt oder sich von einer von der Decke hängenden Schlinge unterstützen lässt. Das Becken und das Kreuzbein können sich frei bewegen (Entspannung der Iliosakralgelenke, das Gewicht des Babys fällt in die Hängematte des Bauches). Die Knie können in dieser Position von etwas Weichem wie einem Polster oder einer Decke unterstützt werden.

Die kniende Hocke (kneeling squat) schafft mehr Platz in der Beckenmitte und dem Beckenausgang (Reitter, 2014).

Die Vierfüßler-Position ist besonders bei Beckenendlage und posteriorer Lage des Kindes („Sterngucker“: das Baby liegt mit dem Hinterkopf zur Wirbelsäule der Mutter) zu empfehlen – so kann dermit posteriorer Lage assoziierte Rückenschmerz gelindert werden (Stremler et al., 2005).

Das Kind allerdings in der Vierfüßler-Position aus dem Körper hinauszuschieben, wird von Frauen im Nachhinein oft als störend empfunden, da sie das Kind nicht auffangen konnten und es so nicht zuerst gesehen und berührt haben.

Beim Sitzen kann die Frau ihr Becken bewegen, die Schwerkraft kann wirken und die Frau kann verschiedene Beinstellungen (auch asymmetrisch) einnehmen.

Optimales Sitzen ist auf den Sitzbeinhöckern und die Knie sind tiefer als die Hüften. Wenn die Frau hinter den Sitzbeinhöckern sitzt, blockiert sie das Kreuzbein. Besonders gerne wird der Schneidersitz in der Öffnungsphase eingenommen.

Beim Sitzen auf einem Sitzball kann sich das Becken frei bewegen (nach vorne/ hinten, zu den Seiten, kreisen) und das Kreuzbein ist frei, diverse Beinstellungen können eingenommen werden, das Kreuzbein ist frei, die Hände können frei sein oder Druck auf Knie/ Wand abgeben, Oberkörper-Arme und Kopf können fallen gelassen werden (z.B. in einer Schlinge, die von der Decke hängt). Diese Position kann gut während der Öffnungsphase eingenommen werden. Empfehlenswert ist es, einen Sitzball vorher auszuprobieren, um die richtige Größe zu wissen, sich an die Instabilität und die Beckenbewegungen zu gewöhnen.

Die Seitenlage ist besonders hilfreich in der Öffnungsphase der Geburt (zum Beispiel, wenn die Mutter noch schlafen möchte). Wenn das obere Bein unterstützt ist, kann sich das Becken bewegen. Die unteren Rückenmuskeln sollten entspannt sein, damit das Kreuzbein sich bewegen kann. Hebt man ein Bein (unterstützt es z.B. mit einem Tuch von oben), kann das Becken sich asymmetrisch öffnen (gut für die Rotation des Babykopfes). Die Frau kann in dieser Position das Knie absenken und den Fuß heben oder umgekehrt. Leider nutzt diese Position nicht die Schwerkraft.

Frauen berichten auch hier, dass sie es als störend empfinden, wenn ihr Bein in der Seitenlage von jemand anderem gehalten wird.

Ungünstige Positionen während einer Geburt

Die Rückenlage führt zu starkem Druck im hinteren Teil der Vagina und des Damms und verringert den Durchmesser der Beckenöffnung. Das Kreuz- und Steißbein können sich nicht bewegen, die Frau liegt auf der Hauptblutversorgung, und Schwerkraft kann nicht wirken und die Frau bzw. deren Gebärmutter muss das Baby gegen die Schwerkraft schieben. Daraus folgt ein schier unmögliches Hinauszuschieben, die Vagina reißt eher ein und Schmerzen können entstehen.

Wenn dazu noch die Knie stark nach außen gehalten werden, verengt sich der Beckenausgang, sowie der Raum zwischen den Sitzbeinen (in der Beckenmitte) und der Beckenboden spannt sich an und reißt eher.

In einer halbsitzenden (zurückgelehnten) Position entsteht Druck auf Kreuz- und Steißbein, die sich so kaum bewegen können – aber aus dem Weg müssen. Meistens muss die Frau ihre Füße aufstellen, um nicht abzurutschen, und dies verkleinert die Beckenhöhle. Noch schwerer wird es einer Frau gemacht, wenn sie dazu aufgefordert wird, ihren Rücken rund zu machen, ihr Kinn zur Brust zu geben, den Po nicht zu heben, die Knie anzuheben und festzuhalten (oder die Füße gegen jemand anderen zu stemmen), während sie den Atem anhält und pressen soll (wie in der Steinschnittlage).

Die Rückenlage und die halbsitzende Position führen durch Kompression der Hauptblutgefäße an der Rückseite der Gebärmutter zu einer geringen Blutversorgung des Babys (Roberts & Hanson, 2007).

In welchen Positionen gebären Frauen in Österreich?

Laut Geburtenregister Österreich (2015) fanden bei Klinikgeburten 87.3% der Vaginalgeburten im Bett statt, 4.5% auf einem Hocker und 3.5% als Wassergeburt (und 4.7 % wurden als „andere Entbindungspositionen" angegeben).

Gebärpositionen bei Hausgeburten in Österreich (Die außerklinische Geburtshilfe in Österreich, 2006/2007):

Jeweils beinahe 24% für Hocke und seitliches Liegen, danach folgt Vierfüßler mit 15%, 10% in Rückenlage, 6% sitzend am Gebärhocker und 3% stehend (und 12% im Wasser und 4% andere Gebärpositionen).

Warum gebären so viele Frauen in Rückenlage oder halbsitzend?

Weil es so dargestellt wird in den Medien, weil die Frauen durch Dauer-CTG, PDA, Wehentropf etc. ans Bett gefesselt sind, weil das medizinische Personal es so „vorschlägt“ (die Patientin ist v.a. beim Schieben so leichter zu „handeln“ bzw. so können sie selbst bequemer sitzen bzw. die Geburtshelfer wissen es nicht besser) oder/ und weil das Bett im Kreißsaal so im Zentrum steht.

Eine gebärende Frau wählt intuitiv keine am Rücken liegende oder halbsitzende Positionen.

Wie war das denn früher oder ist es heute noch in anderen Kulturen?

Die meisten Abbildungen früherer Geburtsszenen zeigen keine Rückenlage, sondern die Hocke (z.B. Azteken, Ägypten), kniend/ Vierfüßler/ Knie-Ellbogen-Lage, aufrecht sitzend, stehend, seitlich liegend und asymmetrische Positionen. Bevor die Zangengeburt im 17. Jahrhundert eingeführt wurde, gebaren Frauen stehend, sitzen oder hockend (Gupta, Hofmeyr & Shehmar, 2012). Nicht-westliche Kulturen vermeiden die Rückenlage (Gupta & Nikodem, 2000).

Fazit

Frauen gebären einfacher, wenn sie sich frei bewegen können. Niemand sollte eine gebärende Frau anleiten, wie sie sich zu bewegen hat oder sich in eine bestimmte Position zu bringen.

Quellen:

Adachi, K., Shimada, M. & Usui, A.: The relationship between the parturient's positions and perceptions of labor pain intensity. Nurs Res. 2003 Jan-Feb; 52(1):47-51.

Calais-Germain, B. & Vives Parés, N. (0212): Preparing for a gentle birth: The pelvis in pregnancy.

Geburtenregister Österreich - Bericht über die Geburtshilfe in Österreich 2015: https://www.iet.at/data.cfm?vpath=publikationen210/groe/groe-jahresbericht-2015

Gupta J.K. & Nikodem C.: Maternal posture in labour. Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol. 2000 Oct;92(2):273-7.

Gupta J.K. et al.: Position in the second stage of labour for women without epidural anaesthesia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2017, Issue 5. Art. No.: CD002006.

Gupta J.K., Hofmeyr, G.J. & Shehmar, M.: Position in the second stage of labour for women without epidural anaesthesia. Cochrane Database Syst Rev. 2012 May 16; (5):CD002006.

Lawrence A. et al.: Maternal positions and mobility during first stage labour. Cochrane Database Syst Rev. 2013 Oct 9;(10):CD003934.

Michel S.C. et al.: MR obstetric pelvimetry: effect of birthing position on pelvic bony dimensions. AJR Am J Roentgenol. 2002 Oct;179(4):1063-7.

Ondeck, M.: Healthy Birth Practice #2: Walk, Move Around, and Change Positions Throughout Labor. J Perinat Educ. 2014 Fall; 23(4): 188–193.

Österreichisches Hebammengremium: Die außerklinische Geburtshilfe in Österreich, Bericht für die Jahre 2006/2007, Wien 2009

Priddis, H., Dahlen, H. & Schmied, V.: What are the facilitators, inhibitors, and implications of birth positioning? A review of the literature. Women Birth. 2012 Sep; 25(3):100-6.

Reitter A. et al: Does pregnancy and/or shifting positions create more room in a woman's pelvis? Am J Obstet Gynecol. 2014 Dec;211(6):662.e1-9.

Roberts, J. & Hanson, L.: Best practices in second stage labor care: maternal bearing down and positioning. J Midwifery Womens Health. 2007 May-Jun; 52(3):238-45.

Storton, S.: Step 4: provides the birthing woman with freedom of movement to walk, move, assume positions of her choice: the coalition for improving maternity services. J Perinat Educ. 2007 Winter; 16 Suppl 1():25S-7S.).

Stremler, R. et al.: Randomized controlled trial of hands-and-knees positioning for occipitoposterior position in labor. Birth. 2005 Dec; 32(4):243-51.

Sutton, J. & Scott, P. (2010): Die Optimierung der Kindslage. Stuttgart (Hippokrates Verlag)

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