Schieben und Drang: Warum Frauen ihre Babys selbst herausschieben können

Noch immer werden gebärende Frauen zum Pressen oder Zurückhalten des Schiebedranges angewiesen.

Doch dies ist absolut nicht notwendig und kann sogar riskant sein. Deswegen möchte ich mich dieses Mal dem Thema Schiebedrang und angeleitetem Pressen widmen.

Was ist der Unterschied zwischen Schieben und Pressen?

Die Bilder vom Pressen (Power-Pressen, forciertes Pressen, directed pushing) bei der Geburt kennen wir leider alle aus Filmen oder Serien und glauben, so geht gebären: die gebärende Frau zieht im Liegen die Beine weit gespreizt an den Oberkörper: die Beine werden in Knie und Hüfte gebeugt, in den Kniekehlen untergefasst, hochgezogen und gespreizt. Sie beugt den Kopf nach vorne, verschließt Augen und Mund, hält die Luft an (atmen wäre in dieser Position sowieso kaum möglich) bzw. presst nach dem Valsalva-Pressmanöver (nach oben tief Einatmen, Luft anhalten, 3 Mal pro Wehe mitpressen und ausatmen).

Die Frau kommt dabei ins Hohlkreuz, ihr Bauch spannt sich an, der Widerstand der Beckenbodenmuskulatur wird mit Gewalt durchbrochen (oder auch nicht), Verletzungen (Dammrisse, Blutgefäße in den Augen zerspringen) entstehen.

Für das Kind bedeutet das Pressen: Druck kommt von allen Seiten, so als würde man eine Zitrone auspressen (der Druck auf den Kopf wird besonders stark) und die Sauerstoffversorgung wird unterbrochen (die Herztöne werden schwächer).

In den 1920ern wurde die „Austriebungsphase“ als gefährlich für das Kind angesehen und es wurde sogar von Anfang an gepresst. Pressen auf Kommando wurde gängig, als die PDA (Periduralanästhesie) modern wurde und die Frauen nichts mehr spürten. In den 1980ern wurde dann allmählich erkannt, dass es gefährlich ist, den Atem anzuhalten.

Trotzdem ist es heute immer noch weitgehend Praxis, die Frauen zum Pressen (mit oder ohne Atem-Anhalten) anzuleiten und sie nicht selbstständig schieben zu lassen.

Schieben (spontaneous pushing) hingegen ist wie eine Darmentleerung: keine harte Arbeit, sondern sobald es in Gang kommt, erfolgt ein kurzes Schieben - das braucht wenig Kraft. Die Kraft wird dabei in eine Richtung gelenkt: aus dem Bauch und durch das Becken nach draußen. Manche Frauen schieben etwas länger mit, andere kürzer und ev. dafür öfter.

Der Atem erfolgt selbstreguliert und ist dadurch viel effektvoller als jede Anleitung (es wird nicht tief eingeatmet wie beim Pressen). Geräusche erfolgen automatisch und unterstützen das Zusammenspiel von Beckenboden und Zwerchfell (der Beckenboden öffnet sich genauso wie der Kehlkopf und das Zwerchfell gibt den Druck nach unten ab). Die Frau versorgt sich selbst gut mit Sauerstoff (Osborne & Hanson, 2014).

Die gebärende Frau empfindet dies als schieben, antauchen, rutschen, gleiten, durchtauchen und speichert dies als Gebären aus eigener Kraft ab.

Eine gebärende Frau schließt intuitiv die Beine, um mehr Raum im Beckenausgang für das Baby zu geben (wobei ihr unter Anleitung gesagt wird, sie solle sie öffnen!), und hört bei der Geburt des Kopfes meist intuitiv auf zu schieben (Aderhold & Roberts, 1991).

Unterschieden wird der Schiebedrang (Ferguson-Reflex) vom Fötus-Ejektions-Reflex (Odent). Der Fötus-Ejektions-Reflex erfolgt nur unter Privatheit. Die gebärende Frau erlebt Panik, richtet sich auf, hält sich an etwas fest und lehnt sich nach vor, kurze Zeit darauf kommt das Baby zur Welt.

"Aber ich hatte gar keinen Drang zu schieben."

Manche Frauen verspüren gar keinen Drang zum Mitschieben, weil kein Druck auf einen bestimmten Bereich in der Vagina/ im Gebärmutterhals erfolgt – dann schiebt eben die Gebärmutter von alleine: die Muskeln der Gebärmutter sind so stark, dass es das Baby auch ganz alleine rausschieben kann. Schieben sollte man nur, wenn ein Drang dazu da ist, sonst verliert man Kraft und das Vertrauen in den eigenen Körper.

Gebärende Frauen werden für gewöhnlich nach der „vollständigen Eröffnung des Muttermundes“ dazu angewiesen zu pressen/ schieben („Jetzt kannst du dein Kind rausschieben.“). Physiologisch gesehen gibt es aber zu der Zeit keine oder ruhigere Kontraktionen ohne Schiebedrang, während das Kind sehr wohl noch tiefer gleiten kann (DiFranco & Curl, 2014). Dies kann Minuten oder Stunden dauern und die Frau kann einen tiefen Trancezustand erreichen. Eine Frau in dieser Phase zum Pressen/ Schieben anzuleiten, bedeutet sie in ihrem tiefen Erleben und beim Gebären zu stören. Dies als Wehenschwäche oder Geburtsstillstand zu deuten (im Krankenhaus wird Erstgebärenden 2 Stunden, Mehrgebärenden 1 Stunde „Zeit gelassen“!), führt im Allgemeinen zu Interventionen. Gebären ist kein Zwei-Phasen-Prozess – Gebären ist viel komplexer und bedarf keinem Management von außen.

"Aber ich wurde angeleitet, nicht zu schieben, weil mein Muttermund noch nicht vollständig geöffnet war, obwohl ich Schiebdrang dazu hatte."

In der Literatur wird dies als vorzeitiger Pressdrang (early pushing urge) beschrieben. Er kommt in 20-40% der Fälle vor und geht nicht mit Komplikationen einher (Borrelli, Locatelli & Nespoli, 2013; Downe et al., 2008). Sich gegen die Bedürfnisse seines Körper zu wehren bis es wieder „erlaubt“ ist Mitzuschieben (auch verzögertes Pressen oder delayed pushing genannt), kann Schwierigkeiten verursachen seinem Körper dann wieder zu vertrauen und ihm zu folgen (Bergstrom, 1997).

Wenn der Drang zum Schieben kommt, ist das eine wichtige Anweisung des Körpers, der man sowieso nicht widerstehen kann und der man folgen darf. Der Körper weiß, was er tut, und daran ist nichts vorzeitig. Näheres dazu im Artikel "Mythos: Vordere Muttermundslippe & Vorzeitiger Schiebedrang".

Every pregnant woman needs to know that it is safer and healthier for mother and baby when the laboring mother pushes in positions other than on her back and follows her own urges to push rather than pushing in a directed way.

Judith A. Lothian

Nachteile von angeleitetem Pressen oder angeleitetem Schieben

Wenn die Frau zum Pressen/ Schieben angeleitet wird, obwohl sie selbst noch gar nicht das Bedürfnis danach hat, kann dies in Komplikationen münden.

Angeleitetes Pressen:

- macht die Schiebephase mitunter länger (Yildirim & Beji, 2008)

- Dammrisse passieren eher: massive Dammrisse können verhindert werden, indem man gebärenden Frauen keine Anweisungen zum Schieben gibt (und sie nicht am Rücken liegen, sowie das Baby nicht von Geburtshelfern herausgezogen wird) (Basu et al.. 2016).

- erhöht das Risiko für Beckenbodendysfunktion (Schaffer et al., 2005)

- reduziert bei der Mutter die Sauerstoffzufuhr und stresst das Herz-Kreislauf-System (DiFranco & Curl, 2014). Es kommt zu einem veränderten PH-Wert und dadurch zu Übersäuerung des Blutes, ineffektiven Kontraktionen („Wehenschwäche“) und Müdigkeit.

- erhöhtes Risiko für Sauerstoffmangel beim Baby (Robert & Hanson, 2007) (und dies zieht ev. Saugglocke oder Kaiserschnitt nach sich)

- mehr Druck auf das Baby und die Nabelschnur (Goer & Romano, 2012), deshalb Schwierigkeiten sich hinunter zu schieben und zu rotieren beim Baby

Schieben bei Periduralanästhesie (PDA)

Auch bei PDA sollte der Körper selbst schieben dürfen (erst, wenn der Kopf des Babys sichtbar ist, kann geschoben werden), da dies die Interventionsrate und die Dauer der Schiebephase reduziert (Brancato, Church & Stone, 2008). Die gebärende Frau sollte sich überdies nicht in Rückenlage oder ins Halb-Sitzen begeben, da sie somit das Kippen des Kreuzbeins und Steißbeins blockiert und damit weniger Raum im Becken zur Verfügung stellt. Nach Möglichkeit sollte die Seitenlage oder wenn die Frau sich bewegen kann eine knieende oder hockende Position eingenommen werden (Brancato, Church & Stone, 2008).

Fazit

Eine gebärende Frau sollte dann schieben, wenn sie den Drang verspürt und nicht, wenn sie oder irgendwer anderer glaubt, sie müsste jetzt schieben (White, 1998) – selbst bei einer PDA ist es sicherer, das Baby selbst durch das Becken bewegen zu lassen. Pressen und angeleitetes Schieben kann negative Folgen nach sich ziehen.

Quellen:

Aderhold K.J. & Roberts J.E. (1991). Phases of second stage labor: four descriptive case studies. J Nurse Midwifery. 1991 Sep-Oct;36(5):267-75.

Basu, M. et al.: Can the incidence of obstetric anal sphincter injury be reduced? The STOMP experience. Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol. 2016 Jul;202:55-9.

Bergstrom et al.: I gotta push. Please let me push! Social interactions during the change from first to second stage labor. Birth. 1997 Sep;24(3):173-80.

Borrelli, Locatelli & Nespoli: Early pushing urge in labour and midwifery practice: A prospective observational study at an Italian maternity hospital. Midwifery. 2013 Aug;29(8):871-5. Epub 2013 Feb 13.

Brancato, R.M., Church S. & Stone, P.W.: A Meta-Analysis of Passive Descent Versus Immediate Pushing in Nulliparous Women With Epidural Analgesia in the Second Stage of Labor. J Obstet Gynecol Neonatal Nurs. 2008 Jan-Feb;37(1):4-12.

DiFranco, J.T. & Curl, M.: Healthy birth practice #5: Avoid giving birth on the back, and follow the body's urges to push. J Perinat Educ. 2014 Fall; 23(4): 207–210.

Downe (2008): The early pushing urge: practice and discourse. Normal Childbirth: Evidence and Debate, vol. 8. pp. 129–148.

Goer, H. & Romano, A. (2012). Optimal care in childbirth: The case of a physiologic approach. Seattle, WA: Classic Day.

Lothian, J.A.: Safe, Healthy Birth: What Every Pregnant Woman Needs to Know. J Perinat Educ. 2009 Summer; 18(3): 48–54

Osborne, K. & Hanson, L.: Labor down or bear down: a strategy to translate second-stage labor evidence to perinatal practice. J Perinat Neonatal Nurs. 2014 Apr-Jun; 28(2):117-26.

Roberts, J. & Hanson, L.: Best practices in second stage labor care: maternal bearing down and positioning. J Midwifery Womens Health. 2007 May-Jun;52(3):238-45.

Schaffer, J.I. et al.: A randomized trial of the effects of coached vs uncoached maternal pushing during the second stage of labor on postpartum pelvic floor structure and function. Am J Obstet Gynecol. 2005 May; 192(5):1692-6.

White, G. J. (1998): Emergency Childbirth: a manual. Napsac Reproductions, Marble Hill.

Yildirim, G. &: Beji, N.K.: Effects of Pushing Techniques in Birth on Mother and Fetus: A Randomized Study. Birth Issues in perinatal care, Volume 35, Issue 1, March 2008, Pages 25–30.

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