Das Durchtrennen der Nabelschnur

Das sofortige Durchschneiden der Nabelschnur, noch bevor die Plazenta geboren wurde, ist eine relativ kurze Praxis im Laufe der Menschheitsgeschichte, sie begann erst im 17. Jahrhundert (Downey & Bewley, 2012). Grund genug, sie näher zu beleuchten.

Wie steht es um die wissenschaftlichen Belege zu Nutzen und Risiken der sofortigen/ baldigen Nabelschnurdurchtrennung nach der Geburt?

Diese Vorgehensweise ist nie evidenzbasiert gewesen. Zahlreiche Studien belegen sogar deren Schädlichkeit.

Als widerlegte Gründe (Andersson et al., 2013; Andersson et al., 2011; Hutton & Hassan, 2007; Walsh, 1968) für das sofortige Abnabeln galten: es verhindere starke Nachblutungen bei der Mutter, Gelbsucht beim Baby und dass das Blut des Babys in die Plazenta zurückfließe.

Da stellt sich die Frage, wie die Menschheit tausende von Jahren ohne dieser Intervention überlebt hat?!

In the current scientific context, it is not justified to routinely interfere with the physiological processes by cutting the cord during the third stage of labour.” – Michel Odent, 2013

Das Blut in der Nabelschnur und in der Plazenta gehört zum Baby

Tatsächlich handelt es sich beim Blut durch die Nabelschnur nicht um Nabelschnurblut, sondern um Plazentablut. Die Plazenta ist Teil des Kindes.

Das Baby braucht dieses Blut, damit die lebenswichtigen Organe (z.B. Herz, Lunge, Gehirn) gut funktionieren können. Dies nennt man Plazentatransfusion (placental transfusion). Nach der Geburt fließt das Blut, unterstützt von Gebärmutterkontraktionen, Stück für Stück zurück zum Baby.

Würde man eine externe Festplatte ausstecken ohne darauf zu warten, dass sie nicht mehr angeschlossen ist?

Ein Drittel des gesamten Blutes verbleibt in der Plazenta und gelangt nicht mehr zum Baby (Mercer & Skovgaard, 2002).

Linderkamp (1982) geht von 50 ml Blut/ kg in der Plazenta und 70 ml/ kg im Kind aus. Beim Warten bis zum Auspuliseren der Nabelschnur übertragen sich 35 ml/ kg von der Plazenta an das Baby.

Bei einem Baby von 3.6 kg wären das 250 ml Blut im Baby, 180 ml Blut in der Plazenta und circa 125 ml, die von der Plazenta zum Baby fließen.

Im Vergleich dazu darf einem Baby nur 5% des Blutes abgenommen werden in 24 Stunden, also bei einem 3.6 kg schweren Baby 12.5 ml.

100 ml Blutverlust bei einem Neugeborenen ist wie 1.7 Liter Blutverlust bei einem Erwachsenen (Buckley, 2009).

Man blockiert also rund ein Drittel des Blutflusses zum Baby, während man aber gleichzeitig einem Baby nie so viel Blutvolumen abnehmen würde.

Nabelschnur durchtrennen

Warum die Nabelschnur nicht sofort abklemmen?

Die Nabelschnur intakt zu lassen ist wichtig für die Atmung und Durchblutung des Babys.

Die Nabelschnur 1-3 Minuten später abzuklemmen führt bereits zu höherem Geburtsgewicht und höherem Eisenspeicher bis zu 6 Monaten nach der Geburt (McDonald et al., 2013). Laut Penny Simkins (2011) kann 70% des verbleibenden Blutes in der Plazenta binnen 2 Minuten zum Baby fließen.

 

Nabelschnur durchtrennen
Die Nabelschnur intakt zu lassen, wirkt sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus (Hooper, Polglase & Te Pas, 2015). Es verringert Atemprobleme, Beatmungsversuche und Bluttransfusionen (Mercer, 2001). Folglich ist es besonders für Babys mit Atemproblemen bzw. Atemstillstand (Hooper, Polglase & Te Pas, 2015) und für frühgeborene Babys (Rabe et al., 2012; Mercer & Erickson-Owens, 2006; Kinmond et al., 1993) wichtig, die Nabelschnur intakt zu lassen. Babys, die reanimiert werden, brauchen das Blut aus der Plazenta noch viel dringender und sollten daher nur mit intakter Nabelschnur animiert werden (Mercer & Erickson-Owens, 2014).

Der Blutrücklauf aus der Plazenta bringt dem Baby 30% mehr Blutvolumen (Mercer, 2001; Yao & Lind, 1974). Außerdem bis zu 60% mehr rote Blutkörperchen (Mercer, 2001), einen höheren Eisenspeicher (Andersson et al., 2011; Chaparro et al., 2006; Mercer & Erickson-Owens, 2006) und mehr Stammzellen (Lawton et al., 2015).

Das Baby erhält durch die Gebärmutterkontraktionen bei der Plazentageburt noch mal eine Portion Blut (rund 40 ml Blut) (Odent, 2013).

Die Nabelschnur erst nach der Plazentageburt zu durchtrennen, hat noch weitere Vorteile: Die Plazenta löst sich viel leichter, wenn die Nabelschnur noch intakt ist und es kommt weniger zu starken nachgeburtlichen Blutungen, weil sich die Plazenta leeren kann (Andersson et al., 2013; Walsh, 1968).

Will man die Nabelschnur durchschneiden, muss sie nicht abgeklemmt werden, wenn sie blutleer ist oder nach einigen Stunden nach der Geburt bereits eingetrocknet ist (sie wird dann dünn und dunkelbraun).

Selbst eine kurze Nabelschnur muss nicht gleich durchtrennt werden, da das Kind sowieso erst nach einer halben Stunde beginnt, zur Brust zu krabbeln (Breast Crawl).

Die Nabelschnur kann auch intakt gelassen werden, bis sie von selbst abfällt nach ein paar Tagen. Diese Praxis wird als „Lotusgeburt“ bezeichnet.

Welche Nachteile gibt es bei der sofortigen Nabelschnurdurchtrennung?

Das Baby hat weniger Blutvolumen, ein niedrigeres Geburtsgewicht, weniger Sauerstoffversorgung und weniger Stammzellen.

Beim Baby kann es zu Anämie (Mercer et al., 2007; Mercer, 2001) und einem niedrigen Eisenspeicher kommen (Hutchon, 2012).

Gesunde, selbstatmende Neugeborene haben ein höheres Risiko zu sterben oder in die Neugeborenenintensivpflegestation zu kommen, wenn die Nabelschnur vor oder beim selbstständigen Atmen durchtrennt wird (Ersdal et al., 2014).

Nabelschnur durchtrennen

Fazit

Die Nabelschnur nicht sofort oder bald zu durchtrennen, hat wichtige Vorteile für die Atmung, den Blutkreislauf und die Organe, erhöht den Eisenspeicher lange nach der Geburt und sorgt für mehr Stammzellen.

Die Nabelschnur sofort oder bald zu durchschneiden oder abzuklemmen, bedeutet weniger oder zu wenig Blutvolumen für das Baby mit allen dazugehörenden Folgen.

Another thing very injurious to the child is the tying and cutting of the navel string too soon: which should always be left till the child has not only repeatedly breathed but till all pulsation in the cord ceases. As otherwise the child is much weaker than it ought to be, a portion of blood being left in the placenta which ought to have been in the child. – Erasmus Darwin, 1801
Quellen
Andersson, O. et al.: Effect of delayed versus early umbilical cord clamping on neonatal outcomes and iron status at 4 months. BMJ. 2011 Nov 15;343:d7157.

Andersson, O. et al.: Effects of delayed compared with early umbilical cord clamping on maternal postpartum hemorrhage and cord blood gas sampling: a randomized trial. Acta Obstet Gynecol Scand. 2013 May;92(5):567-74.
Buckley, S.: Gentle birth, gentle mothering. Clestial Arts, 2009
Chaparro, C.M. et al.: Effect of timing of umbilical cord clamping on iron status in Mexican infants: a randomised controlled trial. Lancet. 2006 Jun 17;367(9527):1997-2004.

Darwin, E: Zoonomia: Or the laws of organic life. 1801, London.
Downey, C.L. & Bewley, S.: Historical perspectives on umbilical cord clamping and neonatal transition. J R Soc Med. 2012 Aug; 105(8): 325–329.
Ersdal, H.L. et al.: Neonatal Outcome Following Cord Clamping After Onset of Spontaneous Respiration. Pediatrics Jul 2014, peds.2014-0467

Hooper, S.B., Polglase, G.R, &, Te Pas, A.B.: A physiological approach to the timing of umbilical cord clamping at birth. Arch Dis Child Fetal Neonatal Ed. 2015 Jul;100(4):F355-60.

Hutchon, D.J.: Immediate or early cord clamping vs delayed clamping. J Obstet Gynaecol. 2012 Nov;32(8):724-9.

Hutton, E.K. & Hassan, E.S.: Late vs early clamping of the umbilical cord in full-term neonates: a systematic review and meta-analysis of controlled trials. JAMA. Mar 2007;297(11):1241-1252.

Kinmond S. et al.: Umbilical cord clamping and preterm infants: a randomized trial. British Medical Journal. 1993; 306:172-175.

Lawton, C. et al.: Enhancing endogenous stem cells in the newborn via delayed umbilical cord clampin. Neural Regen Res. 2015 Sep; 10(9): 1359–1362.

Linderkamp, O.: Placental transfusion: determinants and effects. Clin Perinatol. 1982 Oct;9(3):559-92.

McDonald, S.J. et al.: Effect of timing of umbilical cord clamping of term infants on maternal and neonatal outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 7. Art. No.: CD004074.

Mercer, J.S.: Current best evidence: a review of the literature on umbilical cord clamping. J Midwifery Womens Health. Nov-Dec 2001;46(6):402-14.

Mercer, J.S. & Erickson-Owens, D.: Delayed cord clamping increases infants’ iron stores. Lancet. 2006 Jun 17;367(9527):1956-8.

Mercer, J.S. & Erickson-Owens, D.A.: Is it time to rethink cord management when resuscitation is needed? J Midwifery Womens Health. 2014 Nov-Dec; 59(6): 635–644.

Mercer, J.S. et al.: Evidence-based practices for the fetal to newborn transition. J Midwifery Womens Health. May-Jun 2007;52(3):262-72.

Mercer & Skovgaard: Neonatal transitional physiology: a new paradigm. J Perinat Neonatal Nurs. 2002 Mar;15(4):56-75.

Odent, M.: Cord cutting in the framework of neonatal beliefs and rituals. Midwifery Today Int Midwife. Winter 2013;(108):13-6.

Rabe H. et al.: Effect of timing of umbilical cord clamping and other strategies to influence placental transfusion at preterm birth on maternal and infant outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 8. Art. No.: CD003248

Simkins, Penny (2011): https://www.youtube.com/watch?v=W3RywNup2CM

Walsh, S.Z.: Maternal effects of early and late clamping of the umbilical cord. Lancet. 1968 May 11;1(7550):996-7.

Yao, A.C. & Lind, J.: Placental transfusion. Am J Dis Child. 1974;127(1):128–141.