Der erste Atemzug

Die Atemschnur

Das Baby hat eine große Umstellung bei beziehungsweise nach der Geburt zu meistern. Es ist heller, lauter, kälter in dieser Welt, es wird zum ersten Mal direkt auf seiner Haut berührt, statt Wasser gibt es nun Luft und es muss seine Atmung und seinen Kreislauf umstellen. All dies schafft Prägungen: wie war die erste Atmung? Wie war der erste Kontakt?

Wie beginnt ein Baby natürlich zu atmen?

Wird ein Baby geboren, ist die Plazenta noch immer mit der Gebärmutter verbunden und es kommt weiterhin zur Blutzirkulation. Die Plazenta liefert über die Nabelschnur des Babys weiterhin Sauerstoff und Nährstoffe, und führt Kohlendioxid, Stresshormone und Toxine ab. Und zwar solange wie die Nabelschnur pulsiert. Wobei die Nabelschnur aufhören kann zu pulsieren und wieder damit beginnen kann, falls das Baby die Versorgung über das Blut wieder benötigt. Dies passiert zum Beispiel in Fällen, in denen das Baby Atembeschwerden hat. Ebenfalls werden Leber und Nieren des Babys dadurch unterstützt.

Sobald das Baby in die Luft übertritt, erwacht der Atemreflex. Die Lungen können sich entfalten und in seinem Tempo die Lungenatmung beginnen. Das restliche Fruchtwasser in den Lungen kann in Ruhe abfließen. Das Baby darf dabei husten, sich verschlucken und spucken.

Das Baby kann die Lungenatmung in seiner eigenen Zeit erkunden. Mancher Mensch beginnt seine ersten Atemzüge nach der Geburt allmählich und langsam, ein anderer rasch und schnell. Dies kann aufregend, aber auch köstlich sein.

Nabelschnur und Plazenta helfen dem Baby beim Übergang bei der Geburt, bis die eigenständige Atmung funktioniert. Erst wenn das Baby genügend lange stabil ist, löst sich die Plazenta.

Wie beginnen die meisten Babys hierzulande zu atmen?

Doch leider beginnen die meisten Babys hierzulande nicht auf natürliche Weise zu atmen, sondern die Nabelschnur wird abgeklemmt oder gleich durchgeschnitten.

Wird die Nabelschnur gleich nach der Geburt des Babys abgeklemmt bzw. abgeschnitten (premature cord clamping), wird der Blutfluss zwischen Plazenta und Baby sofort unterbrochen und kein Sauerstoff gelangt mehr via Nabelschnur zum Baby. Das Baby braucht jedoch sein gesamtes Blutvolumen für die Lungenentfaltung und -atmung.

Woher kommt denn dann das Blut für die Lunge? Das Blut muss aus anderen Organen abgezogen werden, die das Blut genauso nötig haben (Hooper, Polglase & Te Pas, 2015; Mercer & Erickson-Owens, 2010).

Darüber hinaus kann es sein, dass die Atemwege des Kindes abgesaugt werden. Das Absaugen oder die Gabe von 100% Sauerstoff bieten keine Vorteile für das Baby (Mercer et al., 2007).

Häufig wird erwartet, dass das Baby bei seinem ersten Atemzug seinen ersten Schrei ausstößt. Vor ein paar Jahrzehnten war es Usus, das Baby sogar mit dem Kopf nach unten zu halten und auf seinen Po zu schlagen, damit es atmet – wofür der Schrei einen Beweis darstellen sollte.

Der erste Atemzug

Wie erlebt das Baby das Durchtrennen der Nabelschnur?

Wird die Nabelschnur abgeklemmt bzw. durchgeschnitten, während das Kind noch über sie atmet, kommt es zum Atemschock. Das Baby wird plötzlich gezwungen, nur noch auf ein Atem-System zurückzugreifen.

Die Versorgung mit Sauerstoff und Abfuhr von Kohlendioxid über die Plazenta wird unterbrochen.

Folglich sinkt der Sauerstoffgehalt rapide ab und das Kohlenmonoxidpegel steigt. Das Baby erlebt ein Erstickungsgefühl und saugt verzweifelt Luft ein, die in den Lungen brennt, weil diese dabei zu schnell entfaltet werden. Natürlich schreit ein Baby dann, weil es Schmerzen hat und in Todesangst ist.

Das Baby kann das Bedürfnis spüren, das Atmen anzuhalten, weil es so schmerzt – kann es aber nicht, weil es dann erstickt. Es ist eine unmögliche Situation.

Wird die Nabelschnur durchgeschnitten (auch noch nach Stunden oder Tagen), reagieren manche Babys mit nach Luft schnappen, aufschreien, wimmern, weinen, sich winden, zittern, Händeringen und nach der Nabelschnur greifen.

Was passiert, wenn die erste Atemerfahrung mit Schrecken und Schmerz verbunden ist?

Die Ereignisse rund um die Geburt und die Geburt selbst prägen sich tief in das Nervensystem eines Menschen ein.

Wird die Nabelschnur durchgeschnitten, bevor das Baby selbstständig über die Lungen atmen kann, wird die erste Atemerfahrung mit Stress, Panik zu Ersticken, Verlust, Unsicherheit und Kontrollverlust verbunden.

Es kann sein, dass solche Menschen im weiteren Leben ohne Verarbeitung der ersten Atemerfahrung nur ungern und mit Widerstand atmen.

Menschen, die als Erwachsene die Trennung der Nabelschnur nach der Geburt nacherleben, sprechen von einer schmerzhaften, scharfen oder brennenden Empfindung am Bauchnabel. Ihr Atem stoppt und sie erleben Todesangst.

Der erste Atemzug

Wie äußert sich dieses zu frühe Durchtrennen der Nabelschnur nach der Geburt im späteren Erwachsenen beim Breathwork?

 

Beim Breathwork, gerade beim schnellem, tiefen Einatmen und Atem-Anhalten kann es zu körperlichen Erinnerungen der eigenen Schwangerschaft und/ oder Geburt kommen, wenn der Mensch bereit dafür ist, tiefer zu gehen.

Besonders die erste Atemerfahrung nach der Geburt kann widererfahren werden: Terror, Panik zu Sterben oder zu Ersticken, Verzweiflung, enge im Brustkorb und/ oder Schmerzen verbunden mit dem ersten Atemzug können auftreten.

Es kann sein, dass während des Atem-Anhaltens Angst oder Panik auftritt. Gedanken wie „Atmen ist schwierig und schmerzhaft.“ oder „Ich muss atmen oder ich sterbe.“ können auftreten.

 Dies muss keinesfalls beim ersten Breathwork auftreten. Es kann auch nach Monaten auftreten, wann auch immer der Mensch bereit dafür ist, diese Erinnerung wieder zu erfahren und aufzulösen. Dabei muss es einem Menschen nicht einmal bewusst sein, woher die Panik kommt.

Während des Breathworks die Erfahrung zu machen, ruhig und langsam zu atmen, genug Luft zu bekommen, das Atem-Anhalten jederzeit unterbrechen zu können bzw. damit zu spielen, lässt zu, dass sich die neue Erfahrung (immer mehr) über die alte Erfahrung legen kann.

Wichtig kann hierbei sein, dass ein/e Breathwork Facilitator diese Erfahrung begleitet und dabei unterstützt präsent und entspannt zu bleiben, um die auftauchenden Erinnerungen an diese lebensbedrohliche Erfahrung zu integrieren.

Während dieser Panik beim Atem-Anhalten ist es schwierig, sich davon zu überzeugen, dass die Angst zu ersticken nicht real ist. Mit der Zeit kann der Gedanke „Ich bekomme genug Luft, es ist okay, es ist sicher.“ langsam durchdringen. Vor allem, weil die Erfahrung einem zeigt, dass nichts passiert, wenn man den Atem anhält.

So kann Breathwork sanft dabei unterstützen, Entspannung, Leichtigkeit, Hingabe und das Vertrauen in die eigene Atmung langsam auszuweiten. Und was danach kommt, ist Lebendigkeit, Freiheit und Glückseligkeit – wir wollen atmen, weil Atem leben bedeutet.

Quellen

Hooper, S.B., Polglase, G.R, &, Te Pas, A.B.: A physiological approach to the timing of umbilical cord clamping at birth. Arch Dis Child Fetal Neonatal Ed. 2015 Jul;100(4):F355-60.

Mercer, J.S. & Erickson-Owens, D.: Evidence for neonatal transition and the first hour of life. Essential midwifery practice: intrapartum care. 2010 Feb;81-104.

Mercer, J.S. et al.: Evidence-based practices for the fetal to newborn transition. J Midwifery Womens Health. May-Jun 2007;52(3):262-72.

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